Mikrofon und Bildschirm in einem bestuhlten Raum zur Illustration der Rubrik „Vorträge"

„Traum oder Albtraum? – Chancen und Risiken des digitalen Zeitalters“

Rede von BfV-Präsident Dr. Hans-Georg Maaßen bei der 6. Handelsblatt Jahrestagung Cybersecurity am 21. November 2016 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort.

1. Begrüßung und Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit vielen Jahren wird mein Dienst nicht müde, landein und landaus vor den Gefahren der Cyberspionage und -sabotage zu warnen. Auf Ihrer Handelsblatt-Tagung „Strategisches IT-Management“ erörterte ich vor zwei Jahren in München unter dem Titel „World Wide War gegen die Wirtschaft?“ die Aktivitäten ausländischer Nachrichtendienste und die Möglichkeiten des Bundesamtes für Verfassungsschutzes zur Spionageabwehr.

Ich muss Ihnen wahrlich nicht erklären, dass das Thema IT-Sicherheit nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat – im Gegenteil! Die Taktung registrierter Cyber-Attacken ist schwindelerregend hoch.

Heute möchte ich jedoch die Perspektive deutlich erweitern und über die klassischen Cyberbedrohungen wie Cyberspionage und -sabotage oder Cybercrime hinausgehen. Ich möchte auf andere Gefahren hinweisen, denen wir allmählich uns bewusst geworden sind, denen wir heute schon täglich ausgesetzt sind und bei denen wir nicht wissen und vielleicht noch nicht einmal ahnen können, welche Auswirkungen sie morgen auf uns, unser Handeln, die Stabilität unser Demokratie, aber auch auf die Reputation unseres Unternehmens und damit auf unsere Volkswirtschaft haben. Ich rede von Desinformation.

Der Cyberraum ist von anderen Diensten und von ausländischen Streitkräften als ein weiterer Operativraum oder – um in der Sprache der Militärs zu sprechen – als weiteres Gefechtsfeld festgelegt worden. Sie lenken immense Ressourcen auf diesen Operationsraum, um dort all das zu machen, was sie bisher auch in der Realwelt taten, aber unter den für sie günstigen Bedingungen des Cyberraums. Ähnliches sehen wir auch bei extremistischen und terroristischen Gruppierungen.

Ich möchte in meiner Redezeit den Cyber-Raum vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schadens durch Desinformation erörtern und die Sabotage der politischen Meinungsbildungsprozesse thematisieren.

2. Digitalisierung als Teilhabeermächtigung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die heutige Technik macht Kommunikation nicht nur massenkompatibel, sondern auch smart. Zudem verdichtet sie zahlreiche Kompetenzen auf den fingernagelgroßen Raum eines Micro-Chips – und das sind Unterschiede zu vielen vorherigen Erfindungen

Sie gibt einst exklusive Fähigkeiten wie Kryptierung beziehungsweise Dekryptierung, Filter-, Photo-, und Publikationstechniken weltweit in Konsumentenhand. Sie stattet den Benutzer mit einer Potenz aus, die ehemals noch schwer zugängliches und mitunter militärisches Know-How beinhaltet. Jeder Zivilist ist damit potentiell eingeladen, sich auch ohne technische Vorkenntnisse umfassende Kommunikationskompetenzen für einen überschaubaren Preis einzukaufen.

Denken Sie an das Smartphone – dem schillernden Meisterstück der digitalen Revolution. Unzählige Migranten, die sich in diesen Krisenzeiten auf der Flucht befinden, verzichten auf so Vieles, aber nur in höchster Not auf ihre Kommunikationsmittel.

Das symbolträchtige Bild des Flüchtlings mit dem Smartphone verweist eindrücklich auf die Kompetenzressource, die moderne Kommunikationsmittel gegenüber anderen materiellen Werten mit sich bringen. Das Smartphone ist so viel mehr als ein Luxusgegenstand. Es ist der Schlüssel zur Teilhabe an der globalen Informations- und Kommunikationsgemeinschaft.

Die Folge ist das laute Rauschen, das unseren Erdball heute umgibt. Unermessliche Datenmengen reproduzieren sich zu einem gewaltigen Echo, in dem Banalitäten und hochbrisante Informationen verschwimmen.

Für Nachrichtendienste ist dieser Datenwust zugleich Segen und Fluch, Traum und Albtraum, Chance und Gefahr. Angesichts der globalen Risiken durch den internationalen Terrorismus, der Cybersabotage und -spionage ist das babylonische Sprachgewirr im Cyber-Raum eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Noch nie waren so viele Informationen, so viele Daten so leicht abzurufen – aber auch noch nie so leicht verschlüssel- und anonymisierbar!

3. Desinformation und Soziale Medien

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

halten wir an dieser Stelle inne mit der Feststellung: Die digitalen Kommunikationsmedien sind eine enorme Ermächtigung des Nutzers durch die Bereitstellung eines benutzerfreundlichen Zugangs zum Ort des globalen Kommunikationsgeschehens.

Die Folgewirkungen drängen heute mit ihrer ganzen Unwucht für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an die Oberfläche. Nachdem wir bereits seit Jahren die Gefahren der Sabotage und Spionage für unsere Infrastruktur und für unsere Wirtschaft diskutieren, beobachten wir nun, wie immer mehr die politische Sphäre in den Focus von Cyberoperationen geraten. Diese Entwicklung läuft derzeit vor unseren Augen ab. Was meine ich damit genau?

Die Rede ist zum Beispiel von gezielter Desinformation und direkter Einflussnahme in innenpolitische Meinungsbildungsprozesse. Desinformation ist an sich kein neues Geschäftsmodell und so alt wie die Politik. Propaganda ist ein geläufiger Begriff – insbesondere aus dem vergangenen 20. Jahrhundert. Die skizzierten Möglichkeiten der modernen Kommunikationsmittel heben den Instrumentenkasten der Propaganda aber auf eine völlig neue Ebene.

In der Vergangenheit waren Völker füreinander häufig eine „black box“. Wer nicht persönliche Kontakte pflegte oder zu der überschaubaren Spezies des Kosmopoliten gehörte, hatte in der Regel wenig Ahnung von den spezifischen Interessen ferner Nationen.

Dies war das Geschäft von politischen Profis, die als Repräsentanten ihrer Völker auf dem internationalen Parkett untereinander verkehrten. Die hohe Kunst der Diplomatie war schon immer das doppelte Spiel der Maskierung und Demaskierung von Interessen gewesen.
Und von Nachrichtendiensten und Militärs, die mit den beschränkten Mitteln der psychologischen Kriegsführung die öffentliche Meinung in anderen Staaten zu beeinflussen versuchten; durch Flugblätter, eigene Nachrichtensender in fremder Sprache oder durch Einflussagenten.

Nun erleben wir jedoch immer gezieltere Einflussnahme am eigentlichen politischen Betrieb und an den Medien vorbei! Staatliche, halb-staatliche oder rein private Akteure nutzen die digitale Camouflage, um unmittelbar auf den Konsumenten von digitalen Medien einzuwirken und ihn in seiner politischen Identitäts- und Meinungsbildung zu beeinflussen. Der Bedeutungsverlust der traditionellen Medien als Filter und Verwerter von Informationen führt derzeit zu einem inflationären Wachstum von ungefilterten Sender-Empfänger-Verhältnissen.

Das allgemeine Phänomen, dass die einst traditionellen Bindungen an Milieus, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Verbände und Interessengruppen in Auflösung begriffen sind, entspricht insofern auch der Erfolgsgeschichte der neuen Kommunikationsdienste, die durch immer smartere Algorithmen die Interessen und Meinungen des einzelnen Konsumenten erfassen und bedienen.

Die Vereinzelung des Bürgers zum individualisierten Konsumenten konvergiert mit dem Geschäftsmodell von social media Plattformen, da diese die atomisierte Masse wieder einsammeln und zu neuen, digitalen Gemeinschaften zusammenstricken. Damit möchte ich zum Ausdruck bringen, dass der soziale Anspruch von social media durchaus ernst zu nehmen ist.

Problematisch wird es allerdings, wenn Algorithmen die mutmaßlichen Präferenzen des Nutzers nicht nur identifizieren sondern auch antizipieren können und das Nachrichtenangebot auf sein vermeintliches Interessenprofil zuschneiden. Auf diese Weise entstehen selbstreferentielle Räume.

Es entstehen Echokammern, in denen bestehende Weltbilder und Meinungen lediglich bestätigt und aufgeputscht werden – sie werden mit Gleichgesinnten verlinkt. Zur Gleichschaltung ist es dann nicht mehr weit, wenn Gegenstimmen hoch emotional diffamiert oder von vornherein ausgeschlossen werden.

Mit dieser Dynamik haben die sozialen Medien eine Art Katalysatorfunktion und wirken oftmals als verbales Aufputschmittel für nachfolgende physische Gewalt. Täglich erleben wir das Phänomen einer zunehmenden Brutalisierung des politischen Raumes, wenn neben Verleumdungen und Beleidigungen sogenannter Eliten und Personen des öffentlichen Lebens mitunter zum Widerstand, zivilen Ungehorsam oder gar zu Straftaten aufgerufen wird.

Gerade im Bereich des politischen Extremismus stellen wir eine Verlagerung fest von Homepages hin zu sozialen Netzwerken. Gegenüber dem einst bürgerlichen Wert der Mäßigung in Konversation und Auftritt begünstigen die sozialen Medien offensichtlich ein Klima der Enthemmung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

an dieser Stelle stoßen wir auf einen weiteren Aspekt der neuen Kommunikationsmittel: die Selbstermächtigung!

Als Besitzer eines Smartphones oder eines Facebook-Accounts ist man nicht nur ermächtigt, an globaler Kommunikation in Echtzeit teilzunehmen, sondern man kann selber Initiator einer digital initiierten Gemeinschaft werden.

Man konsumiert nicht mehr passiv Leitmedien, welche die Informationen vorsortieren, sondern kann aktiv selber Informationen und Botschaften produzieren, die man ohne Umwege ins Netz speisen kann. Es liegt auf der Hand, dass dieser Umstand ein Einfallstor für professionelle Einflussnahme und Manipulation ist. So genannte Internet-Trolle agitieren bekanntlich massenhaft in Kommentarspalten des Online-Journalismus oder auf sozialen Netzwerken – beispielsweise mit pro-russischer Propaganda.

In diesen Tagen muss sich auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die hässliche Frage gefallen lassen, ob sein social-media-Imperium im Kontext des US-Wahlkampfes eine zu große Relevanz eingenommen hat, insofern das Netzwerk für fast jeden zweiten Amerikaner eine wichtige Nachrichtenquelle darstellt. Die Kritik liegt darin begründet, dass sich Facebook zwar offensiv als Nachrichtenmedium positionieren möchte, aber redaktionelle Verantwortung für Nachrichteninhalte weit von sich weist.

Ich überlasse es an dieser Stelle Ihnen zu entscheiden, ob die politische Meinungsbildung besser über aufwendig recherchierte Fachartikel oder über Statements anonymer Blogger und so genannter Wut-Bürger laufen sollte.

Nun werden Sie aus meinem Munde kein unkritisches Plädoyer für die Medien erwarten dürfen, aber der aktuelle Trend, dass auch seriöse Traditionsmedien pauschal als „Lügenpresse“ diffamiert und gleichzeitig Informationen aus völlig undurchsichtigen Quellen mit völlig ungeklärter Motivation des Senders zu Verschwörungstheorien zusammengeleimt werden, gibt zu denken und sollte uns alarmieren.

Den Qualitätsmedien kommt aus Sicht des Verfassungsschutzes eine bedeutsame Rolle für das Funktionieren unserer Verfassungsordnung zu. Nur wenn die Bürger in der Lage sind, sich auf wahrhaftige und vollständige Informationen und kompetente Kommentare zu verlassen, können sie sich fundiert eine eigene Meinung bilden und unbeeinflusst an politischen Entscheidungen mitwirken. Wenn Menschen den Qualitätsmedien nicht mehr das Vertrauen entgegenbringen wie in der Vergangenheit und sich stattdessen über dubiose Internetquellen informieren, können sie zum Spielball von Desinformation werden.

4. Desinformation durch „fremde Mächte“

Dem Verfassungsschutz kommt in der Architektur der deutschen Sicherheitsbehörden eine Frühwarnfunktion vor Gefahren für die freiheitliche demokratische Grundordnung zu. Unsere Aufgabe ist es freilich nicht, den Diskurs zu regulieren oder soziale Medien zu verbieten.

Aber wenn soziale Netzwerke zu einem effektiven Medium politischer Propaganda umfunktioniert werden, müssen wir als gesellschaftlicher Brandmelder zumindest warnen. Desinformation verbreitet sich im Netz rasend schnell; eine Gegenaufklärung, die erst zeitverzögert anlaufen kann, ist fast immer chancenlos. Das können auch fremde Nachrichtendienste und halb-staatliche Akteure ausnutzen.

Erinnern Sie sich an das Beispiel der angeblichen Entführung und Vergewaltigung einer 13-Jährigen – dem sogenannten „Fall Lisa F.“ Der Fall wurde sowohl von russischen deutschsprachigen Medien wie „Sputnik News“ oder „RT“ als auch von staatlichen russischen Medien innerhalb der Russischen Föderation aufgegriffen und verfälschend ausgeschlachtet.

Durch verzerrte und faktenwidrige Darstellungen sollten mutmaßlich gleich mehrere Motive verfolgt werden: sei es die Diskreditierung der deutschen Flüchtlingspolitik und der politischen Arbeit der Bundesregierung, die Eskalation der aufgeheizten innerdeutschen Flüchtlingsdebatte oder die Verleumdung der deutschen Medienlandschaft als „Lügenpresse“.

Am Ende wurden allein auf Protestkundgebungen des Wochenendes vom 23. auf den 24. Januar 2016 bundesweit 12.000 Personen – zumeist Angehörige der russischsprachigen Gemeinschaft in Deutschland – für den vermeintlich skandalösen „Fall Lisa F.“ auf die Straßen gebracht. Deren Mobilisierung erfolgte unter anderem über WhatsApp, die sozialen Netzwerke oder über SMS-Ketten.

Entscheidend ist die orchestrierte Vorgehensweise verschiedener Akteure auf verschiedenen Ebenen – alles mit dem einen Ziel, durch platzierte Desinformation das Vertrauen in die deutschen staatlichen Stellen und Medien zu untergraben.

Der „Fall Lisa F.“ ist nur ein Beispiel. Ein weiteres ist die gewaltige russische Desinformationskampagne, die die Annektierung der Krim und den anhaltenden Konflikt in der Ukraine flankiert. Das zugrundeliegende Muster ist, dass über diverse Kommunikationsebenen – sei es staatliche Sender, Internet-Nachrichtenportale oder Social Media-Dienste – unverhohlen Fakten gebeugt, verwischt, negiert oder frei erfunden werden.

Zu einem Ereignis werden immer neue Versionen in die Welt gesetzt – und seien sie noch so abenteuerlich. Der gewöhnliche Betrachter vergleicht die unterschiedlichen Versionen und sucht in einem verständlichen Reflex oftmals „die Wahrheit in der Mitte“. Damit tappt er in die aufgestellte Falle, wenn er allen Informationen gerecht werden möchte. So funktioniert Desinformation! Sie will nicht andere Wahrheiten produzieren, sondern es reicht ihr völlig, dass keine Wahrheit mehr existiert!

Nehmen Sie in diesem Zusammenhang den Abschuss des Flugzeuges MH17 mit 208 Insassen an Bord über einer umkämpften Region in der Ukraine 2014: Bis heute verhindern völlig gegenläufige Narrative des Abschusses, dass jemand für diese Grausamkeit tatsächlich Verantwortung übernehmen muss.

5. Desinformation und Sabotage in Wirtschaft und Politik

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Wir erkennen neuerdings in steigendem Maße, dass die Gefahren gezielter Desinformation auch die Wirtschaft erreichen. Das globale Ringen um internationale Marktanteile stimuliert offensichtlich fremde Geheimdienste – beispielsweise aus China –, aktiv Schützenhilfe für heimische Anbieter zu leisten.

Mit Falschinformationen in sozialen Netzwerken können leicht Produkte und Dienstleistungen empfindlich diskreditiert werden. Aber auch hier gilt wie bei der politischen Desinformation: Desinformation mit nur falschen Informationen ist plump und die Gefahr besteht, dass sie entlarvt werden kann, bevor sich das falsche Narrativ in den Köpfen der Menschen festsetzt (wie im Fall Lisa). Das Hochreck ist Desinformation mit richtigen Informationen, in dem z. B. über Fehler von Produkten berichtet wird, aber weggelassen wird, dass die Produkte der Konkurrenz nicht anders sind oder unbedeutende Fehler kampagnenhaft aufgebauscht werden.

Auch hier erweist sich billige Desinformation als probates Mittel: Man sorgt dafür, dass die äußere Wahrnehmung des Wettbewerbers bereits auf affektiver Ebene abstößt. Und Sie wissen selber: Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck!

Gleichzeitig schwappt die im wirtschaftlichen Segment schon als klassisch zu bezeichnende Cyber-Spionage zunehmend aggressiv in die politische Sphäre über. Die große Anzahl elektronischer Angriffe gegen Bundesbehörden, den Bundestag, politische Parteien und das politische Personal lassen darauf schließen, dass fremde Einflussnahme für die kommenden Bundestagswahlen 2017 droht.

Sie haben sicherlich die Vorwürfe der USA gegenüber Russland zur Kenntnis genommen, die Regierung in Moskau habe direkt oder indirekt Hackerangriffe auf US-Bürger und politische Organisationen autorisiert, um sich in den US-Wahlprozess einzumischen. Ich möchte diese Anschuldigungen an dieser Stelle nicht kommentieren, weise aber nachdrücklich auf die Gefahr fremder Einflussnahme auf innenpolitische Meinungsbildungsprozesse hin - auch mit Blick auf die kommende Bundestagswahl.

Es ist schlichtweg plausibel, dass die niedrige Hemmschwelle zur Sabotage und Spionage, die wir täglich im Cyber-Raum erleben müssen, zur Durchsetzung eigener Interessen im Ausland eingesetzt werden. Gerade liberal-demokratische Gesellschaften bieten durch ihre offene Diskurskultur und den gewollten Meinungspluralismus eine sehr breite Flanke zur Desinformation – ich erörterte bereits deren Muster.

Große Sorge bereiten mir auch Hinweise auf Sabotageversuche durch Allianzen von ausländischen Geheimdiensten und internationalen Hackern an kritischen Infrastrukturen wie die Wasser- oder Stromversorgung; es werden Trojaner platziert, um diese gegebenenfalls zu einem politisch opportunen Zeitpunkt freischalten zu können. Zu Ende gedacht bedeutet dies, dass regelrechte Cyber-Zeitbomben an neuralgischen Punkten unserer IT-Infrastruktur ticken, wenn wir ihnen nicht achtsam entgegenwirken und wenn die Politik auf entsprechende Forderungen aus dem Ausland nicht reagieren sollte.

6. Ausblick – Der Cyber-Raum als Hoch-Risiko-Raum

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

was bedeutet dies nun abschließend im Hinblick auf die Frage, ob die Digitalisierung Traum oder Albtraum ist? Sie ist schlichtweg beides – sie ist Chance und Risiko. Diese Erkenntnis mag banal sein, mein Appell an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist es aber nicht: Wir müssen täglich neu lernen, den Cyber-Raum nicht nur als Chance, sondern auch als Hoch-Risiko-Raum zu betrachten!

Er bietet zweifellos enorme Möglichkeiten für Wertschöpfung und Innovation. Auf dieser Tagung werden Ihnen kompetente Vertreter aus Wirtschaft und Gesellschaft dazu gewinnbringend Auskunft geben. Meine Aufgabe ist es jedoch, darauf hinzuweisen, dass die Gefahrenpotentiale eben nicht nur ärgerliche Abfallprodukte einer verheißungsvollen Zukunft sind.

Der Cyber-Raum befindet sich gewissermaßen noch in einem vor-zivilisatorischen, weitestgehend rechtlosen Wild-West-Zustand, indem das Recht-des-Stärkeren regiert. Dies wird sich nicht ändern, solange sein Missbrauch so große Rendite abwirft. Die Hemmschwelle ist offensichtlich sehr niedrig, solange die vorgebliche Virtualität von Cyber-Attacken noch nicht auf adäquate Abschreckungsdoktrinen treffen, wie wir sie aus dem konventionellen Bereich kennen. Im Cyber-Raum müssen eben keine physischen Grenzen überschritten, keine Gewehre abgefeuert und keine Werkstore aufgebrochen werden.

Die Tatsache, dass die führenden Nationen ihre Armeen um neue Teil-Streitkräfte mit Cyber-Kompetenzen ergänzen, verdeutlicht die anarchische Aufrüstungsspirale auf dem Cyber-Gefechtsfeld.

Und es ist ein Gefechtsfeld, das aggressiv kolonialisiert wird und aus vielen Ebenen und Akteuren besteht, die wahlweise und situativ Interessenskoalitionen eingehen können.

Gerade die Erfolgsgeschichte der digitalen Revolution eröffnet diesen Raum an Möglichkeiten: Sie ermöglicht, mit Sabotage die Infrastruktur empfindlich zu gefährden. Sie ermöglicht, durch Spionage mit wenigen Mausklicks gigantische Informationsmengen abzuschöpfen. Sie ermöglicht, an den professionellen Mechanismen und Repräsentanten des politischen Betriebes vorbei politische Desinformation zu betreiben, die direkt auf den Adressaten am Smartphone abzielt. Und sie ermöglicht ein hohes Maß an Anonymität, denn Propaganda wird nicht mehr als Flugblatt von Bombern mit Hoheitsabzeichen abgeworfen, sondern Propaganda verschwindet heute oftmals hinter digitalen Nebelkerzen.

Aus Zeitgründen kann ich nicht im Detail auf die Bedrohungslage durch den islamistischen Terrorismus eingehen. Aber selbstverständlich ist auch er gekoppelt an den Cyber-Raum. Die global imaginierte Glaubensgemeinschaft der Islamisten lebt geradezu im Cyber-Raum. Ihre globale Umma ist rein digital. Ihr Kalifat wird just in diesem Moment mit jeder militärischen Niederlage in der Real-Welt zu einem Cyber-Kalifat umgebaut. Doch auch aus dem virtuellen Raum wird es weiter eine gefährliche Strahlkraft entfalten, da seine Virtualität die islamistische Ideologie und Propaganda vor irdischen Misserfolgen immunisiert.

Auch in diesem Kontext ermächtigen die neuen Kommunikationstechnologien potentiell jeden Menschen, sich zum globalen Dschihad selbst zu ermächtigen. Auch in diesem Kontext treffen moderne Technologien den narzisstischen Zeitgeist, sich selbst zu inszenieren – und sei es nur für wenige Minuten in einem Propagandavideo des IS. Der Einbruch in die Realität durch Terroranschläge ist grausam und trifft reale Opfer, deren Leiden nicht mehr virtuell sind.

7. Schluss

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir dürfen nicht Gefahr laufen, vor lauter Informationen zu einer Desinformationsgesellschaft zu werden. Aber wir können Deutschland auch nicht einfach in den offline-Modus setzen.

Sicherheit ist das Fundament und die conditio sine qua non für die Durchsetzung und Akzeptanz vieler Zukunftsthemen der Globalisierung. Freizügigkeit, Multikulturalismus, grenzüberschreitender Handel, Industrie 4.0 und Cloud Computing bedürfen eines Mindestmaßes an Kontrolle und Sicherheit.

Das ist wichtig, damit Sicherheit ein öffentliches Gut bleibt. Sicherheit darf auch im digitalen Zeitalter nicht privatisiert werden. Potente Unternehmen und Nationen können sich Cyberabwehrmaßnahmen leisten. Die Masse der Bürger ist jedoch auf unsere Expertise und unsere Fähigkeiten angewiesen.

Dazu müssen wir erkennen und aufklären, was ist! Das ist unsere Dienstleistung als Inlandsdienst. So, wie sich die deutsche Wirtschaft mutig den Herausforderungen und Chancen der Industrie 4.0 stellt, kapitulieren auch wir nicht vor den Herausforderungen unserer Zeit. Wir sind ein wichtiger Baustein neuer Allianzen, die für Deutschlands Sicherheit geschmiedet werden.

Mit dem Beschluss der neuen Cyber-Sicherheitsstrategie durch das Bundeskabinett, dem gestärkten nationalen Cyber-Abwehrzentrum oder der Initiative Wirtschaftsschutz werden Kooperations- und Koordinationsplattformen ausgebaut, um die Sicherheitslage in Deutschland zu stärken und realistisch spiegeln zu können.

Wenn wir Stabilität generieren, werden wir die Zukunft nicht nur reaktiv bewältigen, sondern konstruktiv gestalten können. Sicherheit darf keine knappe Ressource werden, damit wir im digitalen Zeitalter Träume statt Albträume realisieren.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Druckansicht

Gebäude 1

Hinweistelefon islamistischer Terrorismus 0221/792-3366

Hinweistelefon islamistischer Terrorismus 0221/792-3366
  • Gemeinsam stark für unsere Sicherheit Details
  • Güvenliğimiz İçin Hep Beraber Daha Güçlüyüz Ayrıntılar
  • لندافع سويا وبصورة قوية عن أمننا وسلامتنا التفاصيل

Publikationen

Verfassungsschutzbericht Brandenburg 2018 – Pressefassung

Verfassungsschutzbericht Brandenburg 2018 – Pressefassung

Stand: Juni 2019
Weitere Informationen
Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2018

Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2018

Stand: März 2019
Weitere Informationen
Verfassungsschutz­bericht Rheinland-Pfalz 2018

Verfassungsschutz­bericht Rheinland-Pfalz 2018

Stand: Juni 2019
Weitere Informationen
Verfassungs­schutz­bericht Mecklenburg-Vorpommern 2018

Verfassungs­schutz­bericht Mecklenburg-Vorpommern 2018

Stand: Mai 2019
Weitere Informationen
Verfassungs­schutz­bericht Niedersachsen 2018

Verfassungs­schutz­bericht Niedersachsen 2018

Stand: Mai 2019
Weitere Informationen
Verfassungsschutz­bericht Berlin 2018 - Pressefassung

Verfassungsschutz­bericht Berlin 2018 - Pressefassung

Stand: Mai 2019
Weitere Informationen
Verfassungs­schutz­bericht Schleswig-Holstein 2018

Verfassungs­schutz­bericht Schleswig-Holstein 2018

Stand: April 2019
Weitere Informationen
Verfassungs­schutz­bericht Bremen 2018

Verfassungs­schutz­bericht Bremen 2018

Stand: April 2019
Weitere Informationen
Verfassungs­schutz­bericht Sachsen-Anhalt 2018 – Pressefassung

Verfassungs­schutz­bericht Sachsen-Anhalt 2018 – Pressefassung

Stand: April 2019
Weitere Informationen