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Is­la­mis­ti­scher Ter­ro­ris­mus als Her­aus­for­de­rung für un­se­re offenen Ge­sell­schaf­ten

Rede von Dr. Emily Haber am 2. Mai 2016 beim 13. Symposium des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Berlin

Symposium 2016: Dr. Emily Haber, Staatssekretärin im Bundesministerium des InnernVergrößern© Bundesamt für Verfassungsschutz Dr. Emily Haber, Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern, auf dem 13. BfV-Symposium

Es gilt das gesprochene Wort!

Vor drei bis zweieinhalb Jahren kannten nur Insider der islamistischen Szene den sogenannten Islamischen Staat. Heute widmet das Bundesamt für Verfassungsschutz ein ganzes Symposium dieser Organisation, die dem internationalenTerrorismus neue Gestalt gegeben und sich innerhalb weniger Jahre von einer lokalen Al-Qaida-Abspaltung zum Inbegriff des globalen Terrors entwickelt hat:

Eine Organisation, die sich wie ein Staat geriert, "Steuern" eintreibt, um Ärzte, Ingenieure und junge Familien wirbt, brutale Hinrichtungen medial inszeniert, Menschen versklavt, territorial weit ausgreift. Seit Juni 2014 beansprucht der IS das Kalifat für sich. Seine Agenda ist schon lange nicht mehr regional, sie ist global.

Nach seinem anfänglich unaufhaltsam scheinenden Vormarsch hat der IS allerdings in den letzten Monaten Rückschläge hinnehmen und eroberte Gebiete aufgeben müssen. Die Maßnahmen der Anti-IS-Koalition zeigen erste Erfolge.

Noch scheint der IS insbesondere auf Personen mit Kampferfahrung und einer hohen Gewaltneigung eine große Bindungswirkung auszustrahlen. Aber wir nehmen auch wahr, dass weniger Menschen aus Deutschland ausreisen, um sich dem IS in Syrien oder dem Irak anzuschließen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Gefährdung für Deutschland abnimmt.

Der IS reagiert schnell auf Veränderungen seines Umfelds. Er ist lern- und adaptionsfähig - das haben wir in der Vergangenheit gesehen. Wir müssen davon ausgehen, dass der IS, wenn er in seinem Pseudo-Staatsgebilde weiter unter Druck gerät, neue Ziele ins Visier nimmt, um von Misserfolgen abzulenken. Die Kette der bisherigen Adaptionen ist lang: Zunächst ein regionaler Fokus, dann eine wachsende globale Agenda, zumindest aber globales franchising; Aufruf zu Aktionen im Ausland, zum persönlichen Dschihad, Verschiebung der Operationsbasis auf den Sinai, nach Nordafrika, nach Libyen.

Auf dem Markt des islamistischen Terrorismus gibt es seit Jahren eine Konkurrenz; und hier ist der IS das brutalste, radikalste und ausgreifendste Angebot. Es war der Schlüssel seines Aufstiegs. Terrainverlust, Rückschläge, die sich öffnende Schere zwischen uneingelösten Versprechungen und medialer Vermarktung werden den IS Legitimität in den eigenen Reihen kosten.

Den Mechanismus der Brutalisierungskonkurrenz wird dies so wenig über Nacht außer Kraft setzen wie es die Brutalisierung und Radikalisierung von Anhängern und sympathisierendem Umfeld ungeschehen machen wird. Die Bedrohung und die Art der Angriffe werden sich nur wandeln. Die Landschaft des islamistischen Terrorismus ist so veränderlich wie der IS, solange schwere regionale Konflikte und profunde regionale Instabilität sie anfüttern.

Gerade die Sicherheitsbehörden müssen sich immer bewusst sein, wie dynamisch und veränderlich das Bedrohungspotential ist. Wir dürfen daher nicht aus dem jeweils letzten Anschlag hochrechnen.

Zwischen den Anschlagsplanungen der Sauerlandgruppe, dem Anschlag des Uka in Frankfurt oder des Nemouche in Brüssel, den jüngsten Anschlägen in Brüssel und Paris sind himmelweite Unterschiede in der Komplexität der Planung und der Netzwerkverankerung.

In den beiden jüngsten Fällen wirkten vom IS auf den Flüchtlingsrouten eingeschleuste Kämpfer mit Rückkehrern aus den Kampfgebieten und in Europa verwurzelten radikalen Islamisten zusammen. Dies war neu, und es war aus den vergangenen Erfahrungen nicht extrapolierbar.

Viele Sicherheitsbehörden haben es für möglich, wenngleich unwahrscheinlich gehalten, dass Attentäter die Flüchtlingsrouten wählen würden, um nach Europa zu kommen, - ganz schlicht: weil es einfachere modi operandi gäbe. Ein rationales Argument. Jedoch: allein die Wahl des Weges sollte Verunsicherung, existentiellen Argwohn, Ausgrenzung auslösen. All das gehörte in die Palette der strategischen Ziele des IS - wir sollten wissen, dass und wie dieser Weg gewählt worden war, die Spuren waren ja sorgfältig gelegt worden. Im Nachhinein ist dies leicht identifizierbar. In der Vorausschau wäre es kontrafaktisch gewesen.

Was ich damit sagen will, ist folgendes: Die Muster der Attentate von Paris und Brüssel können zwar die Muster von Attentaten von morgen sein, sie müssen es aber nicht. Wir müssen uns, bei aller Fokussierung auf den IS, also auch die Frage stellen, welche neuen Kräfte heute schon im Entstehen begriffen sein können, die ein durch ihn hinterlassenes Vakuum ausfüllen können. Und genauso müssen wir uns die Frage stellen, welche Ausweichaktionen des sich unter Druck sehenden und um Legitimität kämpfenden IS möglich sind. Dies gilt, auch wenn wir nicht auf jede Eventualität werden vorbereitet sein können.

Meine Damen und Herren, was haben wir bisher zur Verhinderung von Anschlägen in Deutschland getan? Viel ist auf den Weg gebracht. Aber auch wir müssen anpassungsfähig sein und bleiben.

Unser Gesamtansatz verzahnt Aufklärung, Prävention, Gefahrenabwehr und Strafverfolgung. Wir setzen auf Informationsaustausch und internationale Zusammenarbeit.

Im Bereich der Gefahrenabwehr haben wir zuletzt die behördlichen Befugnisse erweitert: wir haben das Reisen in terroristischer Absicht unter Strafe gestellt und den nicht zu Reisen befähigenden Ersatzpersonalausweis für potenzielle terroristische Gewalttäter eingeführt. Wir haben einen neuen Straftatbestand der Terrorismusfinanzierung geschaffen und die nachrichtendienstlichen Befugnisse zur Auskunftseinholung bei Luftfahrtunternehmen, Kreditinstituten und Telekommunikationsdiensten verlängert.

Neben den Befugnissen sind aber auch die tatsächlichen Arbeitsmöglichkeiten der Behörden von entscheidender Bedeutung. Daher haben wir das Bundesamt für Verfassungsschutz, aber auch das Bundeskriminalamt und die Bundespolizei personell deutlich verstärkt - und dies wird sicher nicht der letzte Aufwuchs gewesen sein. Wie wichtig die personellen Ressourcen sind, hat sich nach den Anschlägen von Brüssel nicht zuletzt in der unverzüglichen Anpassung von Kontrollen an Grenzabschnitten und Schutzmaßnahmen an Flughäfen und Bahnhöfen gezeigt.

Wir haben weiterhin - und das halte ich für ganz entscheidend - die engere Verzahnung auf europäischer Ebene im Blick. Hier haben wir weitere Schritte getan, um Reisebewegungen zu erkennen und Informationen zu teilen. Greifbare Ergebnisse haben bei der Polizei mit der EU Internet-Meldestelle und dem Europäischen Zentrum zur Terrorismusbekämpfung (ECTC) bei Europol erzielt. Bereits im Vorfeld der Errichtung des Zentrums hat sich der polizeiliche Informationsaustausch über ausländische Kämpfer und ihre Unterstützer bei Europol eindeutig verstärkt.

Wir haben viel erreicht, aber der Informationsaustausch im Bereich Terrorismus wird uns in diesem Jahr weiter intensiv beschäftigen.

Wir brauchen eine noch engere Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsbehörden. Dazu gehört, dass in die analytischen Arbeitsdateien von Europol sämtliche Gefährder und alle relevanten Personen eingestellt werden müssen - aussagekräftig mit Personagrammen hinterlegt und dies von allen Mitgliedstaaten.

Bei der Datenverwendung dürfen wir nicht im Modus des 20. Jahrhundert verharren. Wir müssen die vorhandenen Erkenntnisse auch nutzen können. Es geht darum, die Datensilos aufzuheben, die Erkenntnisse zu vernetzen und diese verfügbar zu machen.

Gleiches gilt für die Nachrichtendienste. Dafür brauchen wir keine neuen Gremien. Wir müssen vorhandene Strukturen wie die Counter-Terrorism Group (CTG) effektiver nutzen. Hierauf haben sich auch die EU-Minister für Justiz und Inneres verständigt. Zum einen werden zukünftig CTG Experten im Haag zusammenkommen, um gemeinsame Analysen vorzunehmen. Zusätzlich planen wir internationale gemeinsame Datenbanken für unsere Nachrichtendienste. So ist es in der Regierungskoalition vor 14 Tagen beschlossen worden.

Schließlich von enormer Bedeutung - auch mit Blick auf mögliche Veränderungen der islamistisch-terroristischen Landschaft - ist der Bereich der gesellschaftlichen Präventionsarbeit. Hier haben die Appelle der Sicherheitsbehörden Gehör gefunden: In den Ländern wurden Präventionsnetzwerke geschaffen. Sie bauen auf den im Rahmen der Ständigen Konferenz der Innenminister erarbeiteten Konzepten auf. Sie beziehen die relevanten Akteure ein. Wir haben mit zivilgesellschaftlichen Experten zusammen Maßnahmen eingeführt, die von der Aufklärung und Information an Schulen über Intervention bei Radikalisierten bis hin zur Deradikalisierung im Strafvollzug reichen.

Auf Bundesebene haben wir die Förderung zivilgesellschaftlicher Initiativen und die Angebote im Bereich der politischen Bildung massiv ausgebaut. Wir müssen radikalisierungsgefährdete Jugendliche motivieren und befähigen, mündig, kritisch und aktiv am politischen Leben und an den Debatten rund um das Thema Islam teilzuhaben. Im Netzwerk der BAMF Beratungsstelle „Radikalisierung“ haben wir eine Plattform zum Austausch von Ländern und Trägern geschaffen.

Bei sich verändernden Phänomenen müssen auch die Sicherheitsbehörden in ihren Möglichkeiten anpassungsfähig sein. Die Politik muss hierfür den Rahmen schaffen. In der letzten Woche hat die Bundeskanzlerin das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum besucht und sich über das Zusammenwirken von Polizeien und Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern unterrichten lassen. Wir sind dabei, ein neues Sicherheitspaket auf den Weg zu bringen. Bisher ist es uns gelungen, auch dank der guten Arbeit der Sicherheitsbehörden und einer guten und notwendigen internationalen Zusammenarbeit, Anschläge in Deutschland zu vermeiden. Aber wir müssen vorbereitet sein auf das, was auf uns zukommen kann.

Meine Damen und Herren, etwa 4.500 Personen sind bisher aus Europa nach Syrien und in den Irak gereist, um sich den Kämpfern anzuschließen. Wenn die Zurückdrängung des IS gelingt, das System des IS, das sich als Staat versteht, implodiert oder weiterhin nach Libyen, in den Sinai, nach Afrika verlagert, was passiert dann? Und was tun die etwa 4500 Personen, die aus Europa dorthin ausgereist sind?

Dass die Gruppe divers ist, zeigen unsere Analysen. Unter den Ausgereisten sind Menschen aus muslimischen Familien und Konvertiten, gute Schüler und Studenten, erfolgreiche Sportler genauso wie Personen mit einer kleinkriminellen Vergangenheit, Schulabbrecher oder Arbeitslose. Viele sind jung, das Durchschnittsalter wird immer jünger. Der Anteil der Frauen und Mädchen ist gestiegen.

Zu denen, die gegenwärtig zurückkommen, zählen Personen mit hoher Gewaltaffinität und Kampferfahrung, aber zu rund einem Drittel auch solche, die ursprünglich aus humanitären Gründen ausgereist sind und dort von Gewalt und Brutalität erfasst wurden.

Es ist unwahrscheinlich, dass alle Personen zurückkommen. Viele werden sich andere, neue Dschihad-Schauplätze suchen. Solche Wanderungsbewegungen gab es bereits in der Vergangenheit. Ich vermute aber, dass eine größere Zahl zurückkommen wird. Dies werden Gruppen sein, die sich von unserer offenen Gesellschaft längst abgekehrt haben, durch den Aufenthalt in der Parallelwelt des selbsternannten Kalifats hochentfremdet sind und sich weiterhin im Krieg für den maximalen Gegenentwurf zur westlichen Demokratie verstehen. Wenn dies so ist, sinkt die Bedrohung nicht. Sie wächst.

In Deutschland werden diese Rückkehrer auf einen gefährlichen salafistischen Resonanzboden treffen.

Der Gewalt legitimierende Teil der salafistischen Szene in Deutschland wächst dramatisch schnell. Das BfV sieht in ihr die dynamischste islamistische Gruppierung in Deutschland. Die Schätzungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz veranschaulichen dies: im Juni 2015 waren es 7.500 Personen, im September 2015: 7.900, im Dezember 2015: 8.350, im März 2016: 8.650.

Ich spreche hier wohlgemerkt nur von dem Gewalt legitimierenden Teil,- es liegt in der Natur der Sache, dass Verfassungsschutzämter diesen besonders im Blick haben. Der Salafismus ist sehr viel binnendifferenzierter und umfasst auch altreligiöse und modernitätsfeindliche Kräfte, die jedoch Gewalt ablehnen. Es wird auch keinen direkten abschüssigen Weg von dem einen Segment zum anderen geben. Aber es eint sie, dass sie die modernen Lebenswelten einer Demokratie mit Toleranz, Respekt für andere und Gleichberechtigung ablehnen. Trotzdem ist die Differenzierung wichtig, weil eine pauschale Vermengung wahrscheinlich Solidarisierung bewirken und die Isolierung der gewaltbereiten Richtung innerhalb der Gesamtströmung behindern würde.

Natürlich müssen wir das radikale, gewaltaffine und Gewalt legitimierende Potential im Blick haben, es beobachten und, wo möglich, repressive Maßnahmen ergreifen.

Es ist wichtig, dass wir uns nicht hinter falsch verstandener Toleranz verstecken. Wir haben eine wachsende salafistische arabischsprachige Moscheelandschaft in Deutschland. Diese Moscheen vertreten ein fundamentalistisches Islamverständnis und sie sind dem extremistischen Spektrum zuzurechnen. Sie sind Anlaufpunkt für viele Flüchtlinge.

Gegen Moscheevereine und Gruppen, die eine extremistische Auslegung der Religion verbreiten, werden wir mit allen Mitteln des Rechtsstaats vorgehen. Wir haben dies bereits mit Verboten von Moscheevereinen in Stuttgart, Bremen und Ulm getan. Dies sind wichtige Signale und zeigen, dass wir verfassungsfeindliches Handeln unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit nicht dulden.

Aber wir müssen auch unsere Präventions- und Deradikalisierungsprogramme weiter ausbauen. Es gibt die unterschiedlichsten Akteure in Bund und Ländern, staatliche und nicht-staatliche. Wir müssen uns abstimmen und eine klare Vorstellung davon haben, welches die Rollen sind, die wir jeweils spielen können und wie sich die Programme einander sinnvoll ergänzen. Hierzu treffen wir uns mit den wesentlichen Akteuren auf Landes- und Bundesebene am 19. Mai im Bundesministerium des Innern.

Aber ich bin realistisch: Mit mehr finanziellen und personellen Ressourcen im Bereich der Deradikalisierung und neuen Ausstiegsprogrammen allein ist es nicht getan. Ja, unsere Programme werden angenommen und sie sind wirksam. Das zeigt die gute Resonanz der Beratungsstelle „Radikalisierung“, die wir im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingerichtet haben.

Wir werden jedoch niemals alle erreichen können. Die Wirkung von „identity politics“ ist bekannt, die empfundene Fremdheit und Unzugehörigkeit für radikale Angebote zur Identitätsstiftung nutzt. In Deutschland richtet sie sich an Jugendliche, häufig hier geboren, hier aufgewachsen in zweiter oder dritter Generation, viele von ihnen deutsche Staatsangehörige, die fließend Deutsch sprechend. Trotzdem verspricht ihnen die Gegenidentität Selbstbewusstsein und Stärke. Diese Logik müssen wir brechen.

Wie wir Zerrissenheit und der Instrumentalisierung von identity politics gegen unsere Gesellschaft entgegenwirken können, ist nicht das Thema der heutigen Veranstaltung. Aber es wird die zentrale Aufgabe unserer Gesamtgesellschaft über die nächsten Jahre sein. Wie erfolgreich wir dabei sein werden, kann Folgen für die innere Sicherheit haben, - viel stärker als in der Vergangenheit.

Dies liegt an dem aktuellen Flüchtlingszustrom. Zwar gehen die Zahlen in den letzten Monaten deutlich zurück. Aber wir alle wissen, dass im letzten Jahr etwa eine Million Menschen zu uns gekommen sind. Davon sind etwa 70% - genau können wir das noch nicht sagen - sunnitische Muslime, überwiegend aus arabischen Ländern. Viele werden bleiben. Ihre Flucht- und Migrationsgründe sind sehr unterschiedlich. Ihre Zusammensetzung auch. Zunächst - im Herbst - waren es 70-80% junge Männer. Mittlerweile sagt der UNHCR, dass fast 40% der in Griechenland und Italien Ankommenden unter 18 Jahren alt sind. Sie bringen aus ihren Heimatländern Erfahrungen oder Prägungen mit, die, wenn mit der westlichen Lebenswirklichkeit konfrontiert, Biographien der Zerrissenheit nahelegen, - auch wenn viele von ihnen geflohen sind vor Unterdrückung oder dem IS oder aus Angst um Leib und Leben.

Das radikale (und sicher nicht nur das radikale) salafistische Milieu dürfte hier ein großes Zukunftsreservoir für identity politics sehen, die von der Toleranz und Liberalität einer Gesellschaft profitiert, deren Werte und Lebensstile sie ablehnt. Die Sicherheitsbehörden berichten von gezielten Umwerbungsversuchen. Islamistische Extremisten haben gerade die Jugendlichen unter den Flüchtlingen als Zielgruppe für sich erkannt und locken sie durch Angebote wie Fahrten in Freizeitparks oder binden sie in Koranverteilaktionen ein. Der Psychologe und Autor Ahmad Mansour, der die Szene gut kennt, berichtet, dass radikale Prediger buchstäblich auf Jugendfang gehen.

Wir sprechen dieser Tage viel darüber, dass unsere Gesellschaft ungeheuer investieren muss in Spracherwerb, Wohnraum, Arbeitsmarktzugang, Bildung, Chancengleichheit; auch, dass sie viel verlangen muss. Fördern und Fordern ist der Leitsatz des künftigen Integrationsgesetzes.

Aber damit können wir es nicht bewenden lassen. Wir müssen daran arbeiten, junge Menschen gegen das Gift einer „identity politics“ zu immunisieren, die Halt durch Abgrenzung und ein gegenkulturelles Selbstverständnis geben soll. Wir müssen Jugendliche in der Mitte unserer Gesellschaft verankern und ihre Resilienz stärken. Dies gilt zwar für alle, seien es junge Menschen, die hier geboren sind, die schon lange hier leben oder die eine oft traumatisierende Migrationserfahrung hinter sich haben. Die Herausforderung ist bei Zuwanderern aber besonders komplex, weil das Fremdheitsempfinden unvermeidlich viel größer sein wird als bei den hier Aufgewachsenen.

Wenn wir wollen, dass Zuwanderer Teil unserer Gesellschaft werden, brauchen wir einen Wertedialog mit den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Das Band, das uns in Deutschland miteinander verbindet, muss alle einbeziehen.

Unsere gemeinsamen Werte sind das Fundament unseres Miteinanders. Diese Werte gehen vom Grundgesetz aus und sind nicht verhandelbar. Wenn Integration eine Erfolgsgeschichte werden soll, müssen wir uns selbst vergewissern, was zählt, welche Werte uns binden, und wie wir Toleranz üben und Anderssein ertragen können. Eine unsichere Identität löst häufig negative Einstellungen anderen gegenüber, Überfremdungsängste, Abwehrreaktionen aus. Wer nicht weiß, wer er ist, braucht die negative Abgrenzung, um sich selbst zu erhalten bzw. zu stabilisieren - mit all den Wechselwirkungen, die dies bei jenen in Gang setzen oder potenzieren kann, für die gerade die Fremdheit zur Identität zu werden droht.

Und Migration verändert nun einmal auch diejenigen, die schon da sind. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Integration ist ein wechselseitiger Prozess und schließt die Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft ein, sich zu öffnen und Zuwanderern unabhängig von Herkunft und Religion unterstützend entgegenzukommen.

Ausgrenzungserfahrungen und empfundene Diskriminierung sind oft genannte Gründe für Radikalisierungen. Wenn junge Muslime dauernd auf ihren Glauben und ihre „Herkunft“ reduziert werden, kann dies nicht gut sein. Im gesellschaftlichen Diskurs ist viel zu häufig von „den Muslimen“ die Rede. Das ist genauso falsch, wie von den Deutschen, den Christen oder den Beamten zu sprechen.

Mit Sicherheit festigen solche Pauschalisierungen Gräben: die Wahrnehmung des Fremdseins und der Unzugehörigkeit ist eine der wichtigsten Waffen der Radikalisierungsmaschinerie. Wir wollen das Gegenteil. Wir wollen, dass sich die Betroffenen und die Gefährdeten als Teil dieser Gesellschaft begreifen und sich für diese Gesellschaft einsetzen. Dafür bedarf es einer stabilen Identität, und diese wiederum braucht positive Vorbilder und das Gefühl, dass vom Kindergartenalter an Teilhabe möglich und gewünscht ist. Mit unseren Anstrengungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt müssen wir daher so früh wie möglich beginnen.

Wenn dies ausbleibt, können Salafisten junge Leute mit ihren subjektiven Ausgrenzungserfahrungen „abholen“ und mit ihrer Auslegung des Islam ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen, das das Versprechen von Stärke enthält.

Auf der anderen Seite kommt Moscheegemeinden und islamischen Verbänden eine wichtige Rolle zu. Sie sind Teil unserer Zivilgesellschaft und engagieren sich ehrenamtlich in vielfältiger Weise für Flüchtlinge. Es ist wichtig, dass sich die Moscheegemeinden in Deutschland weiter für Flüchtlinge öffnen, dass sie ihre Angebote ausbauen und professionalisieren, dass sie neben einem attraktiven Angebot für Jugendliche gute Beratungs- und Integrationsangebote schaffen.

Es geht dabei nicht nur um Teilhabe von Muslimen in Deutschland an der Erbringung sozialer Leistungen. Es geht auch um die Verantwortung von Generationen von Muslimen, die in unserer Demokratie aufgewachsen sind und zu deren Identität die selbstverständliche Zugehörigkeit und das Bekenntnis zu unserer Demokratie gehören.

Man unterschätze nicht die Präventionswirkung, wenn denjenigen Flüchtlingen, die eine religiöse Verankerung suchen, Räume offen stehen, in denen sie ihre Religion im Einklang mit den hier geltenden Werten ausüben können.

Den großen, ganz überwiegenden Teil der Moscheen in Deutschland müssen wir dabei unterstützen, auch im übertragenen Sinne aus den Hinterhöfen herauszukommen. Das bedeutet die religionsrechtliche Integration des Islam als Religionsgemeinschaft in Deutschland - was Sache der Länder ist - , die Anerkennung der gesellschaftlichen Leistungen von Muslimen und die Notwendigkeit, mit einer aktiven Islampolitik der Bundesregierung, wie sie mit der Deutschen Islam Konferenz betrieben wird, versachlichende Impulse für die öffentliche Debatte zu setzen.

Unsere Maßnahmen greifen ineinander. Offene Gesellschaften bedeuten komplexe Realitäten. Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen alle einen Beitrag leisten. Der Kampf für die Freiheit in offenen Gesellschaften ist ein ewiger, so der Philosoph Karl Popper. Er wird uns auch in Zukunft beschäftigen.

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