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Tod für die PKK: Immer wieder sterben auch deutsche Guerillakämpfer für die verbotene Terrororganisation

BfV-Newsletter Nr. 3/2019 - Thema 6

Die „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) kämpft in der Türkei seit Jahrzehnten für eine größere politische und kulturelle Eigenständigkeit des kurdischen Bevölkerungsanteils. Dabei versucht sie, ihre Ziele auch gewaltsam durchzusetzen. Die Organisation verfügt dafür mit den „Volksverteidigungskräften“ („Hêzên Parastina Gel“ / HPG) über einen bewaffneten Arm, der sich in andauernden militärischen Auseinandersetzungen mit den türkischen Streitkräften befindet. In Deutschland ist die PKK seit dem Jahr 1993 mit einem Betätigungsverbot belegt. Seit 2002 wird sie auf der EU-Terrorliste geführt.

Die HPG geben über ihre Pressestelle sowie auf ihrer Website regelmäßig den Tod ihrer Kämpfer bekannt, die bei Kampfhandlungen oder türkischen Luftangriffen gefallen sind. Darunter befinden sich immer wieder auch deutsche Staatsangehörige, die zu den sogenannten Internationalisten, also den ausländischen Kämpfern in den Guerillaeinheiten der PKK, gehören.

Allein im Jahr 2019 gaben die HPG bislang so schon den Tod von drei getöteten deutschen PKK-Kämpfern bekannt.

Şiyar Gabar

Anfang Januar 2019 wurde über einen deutschen Staatsangehörigen berichtet, der am 9. Juli 2018 im Alter von 23 Jahren bei einer Militäroperation der türkischen Armee in der an den Irak und den Iran grenzenden türkischen Provinz Hakkâri getötet worden war. Der Deutsche mit dem Kampfnamen Şiyar Gabar sei bereits in Deutschland in verschiedenen „linken Gruppen“ aktiv gewesen und habe dabei das kurdische Volk und seinen „Befreiungskampf“ ebenso kennengelernt wie die Ideologie des PKK-Gründers Abdullah Öcalan. Im Jahr 2013 sei Gabar nach „Kurdistan“ ausgereist und habe sich dort den HPG angeschlossen. In der auch von der PKK-nahen Nachrichtenagentur „Firat News Agency“ (ANF) am 6. Januar 2019 veröffentlichten Erklärung der HPG zum Tod Gabars hieß es:

„Als Guerillakämpfer zog er es immer vor, in den schwierigsten Gebieten tätig [zu] sein. (...) Heval [d.h. Genosse/Freund] Siyar ist ein Beispiel für die internationale Solidarität.“

Einen Tag nach der Veröffentlichung durch ANF nahm auch die Hamburger Ortsgruppe der extremistisch beeinflussten Kampagne „TATORT Kurdistan“ auf ihrer Website Stellung zu der Erklärung der HPG. Zusammen mit Gabar habe man in verschiedenen Projekten gearbeitet, wie bei Prozessbegleitungen in Strafverfahren wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland, bei Demonstrationen und Kundgebungen. Seine Entscheidung, 2013 „in die Berge zu gehen“, habe demnach überrascht, aber nicht verwundert:

„Denn der Krieg, der der Bevölkerung in Kurdistan aufgezwungen wird, kommt aus dem Imperium, aus der Metropole, aus Europa, aus Deutschland, auch aus Hamburg! (...) Wir werden alles tun, diese Revolution zu verteidigen!“

Sara Dorşin

Am 21. Juni 2019 gaben die HPG auf ihrer Website den Tod einer 33-jährigen deutschen Staatsangehörigen bekannt. Die Deutsche mit dem Kampfnamen Sara Dorşin soll demnach am 7. April 2019 bei einem Luftangriff des türkischen Militärs auf die sogenannten Medya-Verteidigungsgebiete im Nordirak getötet worden sein. Dorşin habe sich im Jahr 2017 der PKK angeschlossen und sei zuletzt als Kommandantin der YPG-Star, der Fraueneinheit der HPG, eingesetzt worden. Gerade ihre herausgehobene Stellung wurde in der Erklärung der HPG mehrfach betont:

„Sie war eine Neuzeit-Guerilla und wurde auch als Kommandantin eingesetzt. Ihre Pflichten erfüllte sie umfassend und fehlerlos und war auch als führende Kraft beispielhaft. Genossin Sara, die während ihres gesamten Guerilla-Daseins mit ihrer Liebe für die Freiheit gekämpft hatte, war ein aktiver Guerilla-Kommandeurin, die bis zu ihrem Martyrium eine wichtige Rolle im kurdischen Freiheitskampf gespielt hat.“

Bereits einen Tag später wurde Dorşin von PKK-Anhängern auf dem „15. Zilan-Frauenfestival“ in Leverkusen als „Märtyrerin“ der verbotenen Organisation verehrt. Bei der Namensgeberin dieses alljährlich stattfindenden Festivals handelt es sich um eine Selbstmordattentäterin der PKK, die sich am 30. Juni 1996 bei einer Militärparade im Zentrum der türkischen Stadt Tunceli in die Luft sprengte. Sechs türkische Soldaten kamen dabei ums Leben. 33 weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Für ihre Tat wird Zilan – genau wie nun auch Dorşin – von PKK-Anhängern als „Märtyrerin“ und Vorbild verherrlicht.

Am 25. Juni 2019 veröffentlichte die autonome „radikale linke | berlin“ einen Nachruf in Gedenken an Dorşin. Darin wird ihr Kampf für den revolutionären Gedanken gelobt sowie die Tatsache, dass sie sich für ein „Leben in der Revolution“ entschieden habe. Der Verlust der „Genossin“ habe die Verfasser des Artikels schwer getroffen und ihnen sei einmal mehr eine Freundin genommen worden.

Bager Nûjiyan

Zuletzt gab die HPG am 26. August 2019 den Tod eines 30-jährigen deutschen Staatsangehörigen bekannt. Dieser trug den Kampfnamen Bager Nûjiyan. Er soll bereits am 14. Dezember 2018 bei einem Luftangriff des türkischen Militärs auf die „Medya-Verteidigungsgebiete“ im Nordirak getötet worden sein. Der PKK-Guerilla habe er sich im Jahr 2017 angeschlossen. Über Nûjiyan heißt es:

„Mit großem Enthusiasmus tauchte unser Freund Bager in die Philosophie des Vordenkers Abdullah Öcalan ein und passte sich sehr schnell dem Leben in den Bergen an. (…) Er lernte binnen kürzester Zeit die kurdische Sprache und wurde ein vorbildlicher Militant.“

Am 26. August veröffentlichte das „Lower Class Magazine“ einen Nachruf, in dem betont wird, dass Nûjiyan „aus eben den gewohnten Verhältnissen ausbrechen wollte, in denen wir als deutsche Linke immer noch dahintümpeln (…).“

Ausreisen in die kurdischen Kampfgebiete

So wie die drei genannten deutschen „Internationalisten“ haben sich seit Juni 2013 rund 270 Personen aus Deutschland in die kurdischen Kampfgebiete im Südosten der Türkei, im Nordirak und in Nordsyrien begeben. Dort schlossen sie sich dann zumeist den verschiedenen Kampfeinheiten der PKK an. Von den Ausgereisten sind mittlerweile über 130 Personen nach Deutschland zurückgekehrt. Mindestens 22 Personen aus Deutschland sind in den Kampfgebieten ums Leben gekommen.

Am bewaffneten Kampf nehmen jedoch nicht nur Personen mit vorherigen Bezügen zur PKK teil. Es wurden auch Fälle bekannt, bei denen sich Personen erst in den Kampfgebieten als Freiwillige an die Strukturen der PKK wandten. Eine zentrale Rolle für dieses Phänomen der eigenständigen Ausreisen spielt das Internet. Hier können interessierte Personen leicht Informationen unter anderem zu Reisewegen finden und untereinander austauschen.

Bewertung

Die PKK lässt ihre gefallenen Kämpfer als „Märtyrer“ verehren. Dieser Märtyrerkult dient sowohl der Motivation der eigenen Anhänger als auch der Rekrutierung von Kämpfern, die bislang keine Bezüge zur Organisation aufgewiesen haben. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum die PKK gerade auch den Tod von ausländischen Kämpfern für ihre Zwecke instrumentalisiert. Zum einen soll damit die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit erzeugt werden. Zum anderen sollen auch Freiwillige aus dem hiesigen linken beziehungsweise linksextremistischen Spektrum angesprochen und – im besten Fall – zur Ausreise in die Kampfgebiete motiviert werden. Den Erfolg dieses gezielten Vorgehens zeigen die drei zuletzt getöteten deutschen PKK-Kämpfer, die vor ihrer Ausreise allesamt über Kontakte in die linksextremistische Szene verfügten beziehungsweise in dieser verankert waren.

Es ist deshalb davon auszugehen, dass die PKK im Rahmen von Veranstaltungen und Demonstrationen den Tod der drei deutschen Staatsangehörigen für ihre propagandistischen Zwecke weiter instrumentalisieren wird. So nutzte die PKK bereits früher das propagandistische Potenzial von getöteten „internationalistischen Märtyrern“.

Solange die bewaffneten Konflikte in den kurdischen Siedlungsgebieten in der Türkei, in Nordsyrien und im Nordirak andauern, ist davon auszugehen, dass die Rekrutierungsaktivitäten der PKK auch in Deutschland auf hohem Niveau verbleiben werden.

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Herausgeber: Bundesamt für Verfassungsschutz
Stand: November 2019

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