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BfV-Newsletter Nr. 3/2016 - Thema 8

„Antikapitalistisches Kollektiv“ (AKK) – eine Vernetzungsplattform der Neonazi-Szene

Seit mehr als einem Jahr ist innerhalb der Neonazi-Szene ein Netzwerk mit der Bezeichnung „Antikapitalistisches Kollektiv“ (AKK) aktiv, das bis vor einigen Monaten nur als weitgehend virtuelles Phänomen in Erscheinung getreten war.

Das AKK trat erstmals im Frühjahr 2015 durch die Agitation gegen die Neueröffnung der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main (18. März 2015) in Erscheinung.

Seit etwa Anfang dieses Jahres sind Gruppierungen unter der Bezeichnung „Antikapitalistisches Kollektiv“ (AKK) nicht mehr nur virtuell, sondern als wahrnehmbare Personenzusammenschlüsse zum Beispiel bei rechtsextremistischen Demonstrationen sichtbar. Das AKK bezeichnet sich selbst als Bündnis und Plattform, das aus verschiedenen Netzwerken hervorgegangen sei. Das Kollektiv wolle die Vernetzung vorantreiben und innerhalb der „nationalen Bewegung verschiedene Gruppen und Organisationen an einen Tisch bringen“, um „in erster Linie überhaupt über Theorie und Praxis zu diskutieren“. Das AKK ersetze keine bestehenden Gruppen, sondern schaffe Raum für Diskussionen und Kooperation „über Grenzen und Dogmen“ hinweg.

Zwischenzeitlich sind mindestens neun regionale AKK-Gruppierungen in Erscheinung getreten. Hierzu gehören bundeslandbezogene Gruppen wie das AKK Baden-Württemberg oder das AKK Hessen, aber auch Gruppierungen wie die mittlerweile in dem AKK Berlin/​Brandenburg aufgegangenen Gruppen „Aktionsgruppe Nord-Ost“ (Brandenburg) und „Autonome Nationalisten Berlin“ oder das „Kollektiv 56“ (K56) in Thüringen. Bei einer Demonstration zum 1. Mai in Plauen (Sachsen) sind rund 200 Neonazis als „Schwarzer Block“ aufgetreten, der durch Transparente als AKK-Formation erkennbar war und aus dem heraus es zu teilweise gewalttätigen Angriffen auf Gegendemonstranten und Polizeibeamte kam.

Im Juli dieses Jahres fand eine als „Antikapitalistisches Zeltlager 2016“ betitelte Veranstaltung im Raum Pforzheim (Baden-Württemberg) statt, an der sich rund 30 Neonazis aus mehreren Bundesländern, darunter aus Baden-Württemberg und Hessen, beteiligten. Im Verlauf des Zeltlagers führten Angehörige des AKK ein „Verteidigungstraining“ durch. Diese praktischen Demonstrationsübungen wurden durch Vorträge – laut Ankündigung im Internet zum AKK und zum Thema „Soziale Kämpfe in Europa“ – flankiert.

Die Mitgliederzahl der einzelnen AKK-Gruppen dürfte bundesweit im mittleren zweistelligen Bereich liegen. Ihr Mobilisierungspotenzial ist jedoch – wie die Kundgebung in Plauen gezeigt hat – um ein Vielfaches höher.

Die Selbstdefinition des AKK als eine „organisationsübergreifende Plattform“ bedingt, dass das Bündnis lediglich minimalisierte inhaltliche Eckpunkte zur Schaffung eines Grundkonsenses zwischen den beteiligten Aktivisten vorgibt. Ideologisch wendet sich das Kollektiv in zunächst fünf Grundthesen gegen den „globalisierten Kapitalismus“, dem ein „völkischer Sozialismus“ entgegengestellt wird. Die Verwendung dieses Begriffes weist auf die neonationalsozialistische Fundierung des AKK hin. Zumindest in Begrifflichkeiten rekurriert das AKK zudem auf „antiimperialistische“ Zielsetzungen, wenn etwa die Forderung nach einer Vernetzung der „globalen Befreiungskämpfe“ und einer Bündelung der „soziale[n] Kämpfe in Deutschland und Europa“ erhoben wird. Die Zielsetzung des AKK ist auf eine Überwindung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik ausgerichtet, sieht man doch „dieses System [als] nicht dauerhaft reformierbar“ an. In diesem Sinne sind Aktivisten des AKK auch zum Einsatz von Gewalt – zum Beispiel bei Demonstrationen gegen Polizeibeamte – bereit. Aus mutmaßlich taktischer Motivation wurden der Begriff „völkischer Sozialismus“ und die Aussage, das System sei nicht reformierbar, mittlerweile aus den Grundthesen gestrichen.

Das AKK nimmt für sich in Anspruch, als neues Strategiemodell innerhalb der rechtsextremistischen Szene zu fungieren. In Optik, Ausformung und ideologischer Fundierung ähnelt es jedoch den früheren „Autonomen Nationalisten“, die im letzten Jahrzehnt eine zeitweilig bedeutsame Strömung in der neonazistischen Szene darstellten, als solche aber mittlerweile kaum mehr zu erkennen sind. Zumindest in einzelnen AKK-Gruppen ist die Kontinuität zu den früheren „Autonomen Nationalisten“ evident.

Dennoch muss das AKK tatsächlich als neuer Impuls für die Neonazi-Szene bewertet werden, die sich seit etlichen Jahren in strategischer und ideologischer Hinsicht in einer Sackgasse befindet. Hierzu tragen unterschiedliche Aspekte bei: Zum einen sieht sich das AKK nicht in Konkurrenz zu bereits existierenden Gruppen, sondern betont sein Selbstverständnis als Vernetzungsplattform. Weiterhin fordert es von den im Kollektiv organisierten Gruppen und Einzelpersonen ideologisch lediglich einen Minimalkonsens, der durch die Fokussierung auf vorgeblich antikapitalistische, globalisierungskritische Forderungen letztlich nur antisemitische und antiamerikanische Ideologieelemente bedient, wie sie in der Neonazi-Szene flächendeckend vertreten werden. Und nicht zuletzt spielen die aktionistische Komponente mit ihrer Militanz- und Gewaltfixierung sowie die moderne Präsentation des Kollektivs in der virtuellen Welt des Internet eine nicht unbedeutende Rolle in der aktionsorientierten rechtsextremistischen Szene. Insofern bietet das AKK in der Tat grundsätzlich die Voraussetzung dafür, die Neonazi-Szene und angrenzende Bereiche des aktionsorientierten Rechtsextremismus aus ihrer inhaltlichen und strategischen Orientierungslosigkeit zu holen und neue ideologische und strukturelle Impulse zu setzen.

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Herausgeber: Bundesamt für Verfassungsschutz
Stand: Oktober 2016

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