Blaues Newsletter-Icon auf einer Tastatur

BfV-Newsletter Nr. 3/2014 - Thema 7

Reaktionen der islamistischen Szene auf die Offensive des „Islamischen Staates“ (IS/ISIG) im Irak und die Ausrufung des „Kalifats“

Seit Mitte Juni 2014 veröffentlichte die islamistische Gruppierung „Islamischer Staat“/„Islamischer Staat Irak und Großsyrien“ (IS/ISIG) im Internet mehrere Stellungnahmen zu ihrer militärischen Offensive im Irak. Die Organisation präsentierte ihre Erfolge als göttliche Anerkennung dafür, dass allein sie den Islam richtig auslege und umsetze.

Die Offensive und die Eroberungen des IS/ISIG wurden von der islamistischen Szene im Internet euphorisch diskutiert. In sozialen Netzwerken zeigten viele Nutzer ihre Solidarität mit der Organisation. Unterstützer des IS/ISIG in Europa wurden u. a. auch auf Deutsch dazu aufgefordert, sich an einer Internet-Kampagne zu beteiligen. Dabei sollten sie einen vorgegebenen Slogan zur Unterstützung des IS/ISIG auf ein Blatt Papier schreiben und dieses anschließend vor einem bekannten „Merkmal“ wie beispielsweise einem landestypischen Bauwerk fotografieren. Das Foto sollten sie zur Veröffentlichung einschicken oder selbst im Internet posten. Mit der Kampagne solle verdeutlicht werden, dass der IS/ISIG auch im Westen viele Unterstützer habe.

Ende Juni 2014 veröffentlichte der IS/ISIG zudem im Internet eine Botschaft, in der das „Kalifat“ ausgerufen und der Anführer der Organisation Abu Bakr al-Baghdadi zum „Kalifen“ erklärt wurde. Dies impliziert einen weltweiten Führungsanspruch des IS/ISIG über alle Muslime, da mit dem Begriff „Kalif“ religionsgeschichtlich stets der Anspruch auf die Nachfolge des Propheten Mohammed und damit auf die geistliche und weltliche Herrschaft über alle Muslime verbunden ist. Konsequenterweise gab die Organisation des Weiteren bekannt, sich in „Islamischer Staat“ – ohne den Zusatz „Irak und Großsyrien“ – umzubenennen. Der Name „Islamischer Staat“ verdeutlicht, dass die Gruppierung sich nicht als eine Organisation von „Mujahidin“ versteht, sondern als Keimzelle des idealen islamischen Staatswesens.

Abu Bakr al-Baghdadi selbst wandte sich kurz danach an die Muslime weltweit und gratulierte zum Fastenmonat Ramadan. Zudem verkündete er, die Muslime würden durch das „Kalifat“ ihre Würde zurückerlangen und forderte sie dazu auf, in den „Islamischen Staat“ auszuwandern. Den „Mujahidin“ sprach er Mut zu und stellte ihnen die Weltherrschaft in Aussicht.

Während die Militäroffensive im Irak in der „jihadistischen“ Szene im Internet sehr positiv aufgenommen wurde, stieß die Ausrufung des „Kalifats“ nicht durchweg auf Zustimmung. So wurde kritisiert, dass das „Kalifat“ proklamiert wurde, ohne anerkannte islamische Gelehrte und andere Anführer der globalen „Jihad“-Bewegung einzubeziehen. Daher fehle es dem „Kalifat“ an Legitimität. Diese Position wird beispielsweise von der „al-Qaida“-Regionalorganisation „al-Qaida im Islamischen Maghreb“ (AQM) vertreten, die Mitte Juli 2014 im Internet eine entsprechende Erklärung veröffentlichte. Mittlerweile haben sich weitere einflussreiche Ideologen des globalen „Jihad“ zu Wort gemeldet, die die Ausrufung des „Kalifats“ kritisieren und die Muslime davor warnen, dem selbst ernannten „Kalifen“ Folge zu leisten.

Die Ausrufung des „Kalifats“ durch den IS/ISIG polarisiert die islamistische Szene, auch in Deutschland. Einerseits gibt es in der deutschsprachigen „jihadistischen“ Szene sowohl in Deutschland als auch vor Ort in Syrien Personen, die den IS/ISIG unterstützen und die Ausrufung des „Kalifats“ befürworten. Andererseits kollidiert der weltweite Anspruch des IS/ISIG spätestens durch die Ausrufung des „Kalifats“ mit dem globalen Netzwerk von „al-Qaida“. Der IS/ISIG hat sich damit endgültig aus dem „al-Qaida“-Netzwerk herausgelöst und der offene Konflikt zwischen Kern-„al-Qaida“ und dem IS/ISIG hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Die offensichtliche Spaltung der globalen „Jihad“-Bewegung widerspricht der Ideologie des globalen „Jihad“, die die Einheit aller „Mujahidin“ propagiert.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis des BfV-Newsletters Nr. 3/2014

Herausgeber: Bundesamt für Verfassungsschutz
Stand: August 2014

Druckansicht

Gebäude 2

Hinweistelefon gegen Extremismus und Terrorismus 0221/792-6000

Hinweistelefon gegen Extremismus und Terrorismus 0221/792-6000
  • Gemeinsam stark für unsere Sicherheit Details
  • Güvenliğimiz İçin Hep Beraber Daha Güçlüyüz Ayrıntılar
  • لندافع سويا وبصورة قوية عن أمننا وسلامتنا التفاصيل

Publikationen

Verfassungsschutzbericht Brandenburg 2019 – Pressefassung

Verfassungsschutzbericht Brandenburg 2019 – Pressefassung

Stand: September 2020
Weitere Informationen
Verfassungs­schutz­bericht Bremen 2019

Verfassungs­schutz­bericht Bremen 2019

Stand: Juli 2020
Weitere Informationen
Verfassungsschutz­bericht 2019, Fakten und Tendenzen (Kurz­zusammen­fassung)

Verfassungsschutz­bericht 2019, Fakten und Tendenzen (Kurz­zusammen­fassung)

Stand: Juli 2020
Weitere Informationen Download PDF-Datei
Verfassungsschutz­bericht 2019

Verfassungsschutz­bericht 2019

Stand: Juli 2020
Weitere Informationen Download PDF-Datei
Verfassungsschutz­bericht Rheinland-Pfalz 2019

Verfassungsschutz­bericht Rheinland-Pfalz 2019

Stand: Mai 2020
Weitere Informationen
Verfassungsschutz­bericht Berlin 2019

Verfassungsschutz­bericht Berlin 2019

Stand: Mai 2020
Weitere Informationen
Verfassungs­schutz­bericht Sachsen-Anhalt 2019 – Pressefassung

Verfassungs­schutz­bericht Sachsen-Anhalt 2019 – Pressefassung

Stand: Juli 2020
Weitere Informationen
Verfassungsschutzbericht Nordrhein-Westfalen 2019

Verfassungsschutzbericht Nordrhein-Westfalen 2019

Stand: Juni 2020
Weitere Informationen