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BfV-Newsletter Nr. 1/2013 - Thema 6

Individueller „Jihad“

Neben Gruppen und Netzwerken mit engen Verbindungen zu „jihadistischen“ Organisationen im Ausland rücken vermehrt Einzeltäter (sogenannte „lone wolves“) und weitgehend autonome Kleinstgruppen in den Fokus. Oftmals handelt es sich um „homegrown“-Terroristen, Personen, die in Europa aufgewachsen und sozialisiert wurden. Sie haben sich oftmals durch das Internet radikalisiert.

Ein Beispiel hierfür ist Arid Uka, der am 2. März 2011 den ersten (vollendeten) islamistischen Anschlag in Deutschland durchführte und zwei US-amerikanische Soldaten am Frankfurter Flughafen tötete. Uka, der sich außerhalb jeden Gruppenzusammenhangs radikalisiert hatte, steht sinnbildlich für ein neues Bedrohungsszenario, das untrennbar mit den neuen Kommunikationsmedien verbunden ist: mit dem „individuellen Jihad“. Der Täter hatte sich zuvor durch Videos im Internet zu seiner Tat anstacheln lassen, Videos, in denen angebliche Vergewaltigungen muslimischer Frauen durch amerikanische Soldaten gezeigt wurden.

„Jihadistische“ Organisationen bis hin zur „al-Qaida“ rufen ihre Anhänger auf, Anschläge auf eigene Faust und ohne organisatorische Anbindung durchzuführen.
Die von Einzeltätern oder Kleinstgruppen ausgehende Gefahr verdeutlichen auch die Verbrechen Mohammad Merahs im März vorigen Jahres in Toulouse sowie die Brüder Tsarnaev mit ihrem Anschlag auf den Boston-Marathon am 15. April 2013.

Auch in Deutschland bildeten sich im letzten Jahrzehnt immer stärker Täterpersönlichkeiten heraus, die jahrelang „mitten unter uns“ gelebt haben – vom versuchten Kofferbombenanschlag (2006) über die Sauerland-Gruppe (2007) bis zu dem bereits erwähnten Arid Uka. Täter, die sich häufig schnell radikalisieren und – wenn überhaupt – nur sehr lose mit den uns bekannten Terrornetzwerken verbunden sind.

Wir beobachten, dass Terroristen es – anders als früher – nicht mehr für erforderlich halten, ihre Taten umfassend zu rechtfertigen. Vielfach handelt es sich um eine lediglich dünne ideologische Tünche für massiv ausgelebte Gewaltphantasien. Dies macht eine Vorfeldaufklärung, wie sie die Aufgabe des Verfassungsschutzes ist, umso schwieriger. Häufig durchlaufen die Täter nicht den früher üblichen „Karriereweg“ in extremistischen Organisationen, sondern werden ohne erkennbaren Vorlauf zu Gewalttätern.

Das Internet spielt für den „individuellen Jihad“ und für individuelle Radikalisierungskarrieren insgesamt eine ganz überragende Rolle.

Von besonderer Bedeutung für den „individuellen Jihad“ ist das Internet-Magazin „Inspire“. Hier wurde die „Strategie der Tausend Schritte“ entwickelt. Deren erklärtes Ziel ist es, den Feind finanziell „auszubluten“. Man kann hier auch von einem „ökonomischen Jihad“ sprechen (der im Übrigen von einem „elektronischen Jihad“ mit gleicher Zielsetzung ergänzt wird).

In diesen Kontext gehört der versuchte Paketbombenanschlag vom Oktober 2010. Eines der im Jemen aufgegebenen Pakete mit dem Zielort Chicago wurde (nach einer Zwischenlandung in Frankfurt a. M.) in London entschärft. Für die als „Operation Blutsturz“ bezeichnete Aktion, macht „Inspire“ folgende Rechnung auf: Der versuchte Anschlag habe „al-Qaida“ nur etwas mehr als 4.000 US-Dollar gekostet, der Westen aber werde Milliarden für neue Sicherheitsmaßnahmen ausgeben müssen.

In der vorletzten Ausgabe von „Inspire“ – Anfang März 2013 im Internet eingestellt – wird diese Intention fortgeführt. Dort werden Aktionen in Form von „Tausend kleinen Nadelstichen“ angeregt. Mit möglichst geringen Mitteln soll ein großer wirtschaftlicher Schaden herbeigeführt werden. Bemerkenswert ist hier der propagierte „low-level“-Terror (z. B. Anzünden von Autos), der auch solchen Personen Handlungsspielräume eröffnet, die nicht ihr Leben aufs Spiel setzen wollen, d. h. solchen, die sich offenbar dem Märtyrermythos noch entziehen.

Diese Intention wird in der aktuellen „Inspire“-Ausgabe – sie ist am 31. Mai 2013 ins Netz gestellt worden – weiter fortgeführt. Das Magazin preist die Terrorakte von Boston, London und Paris als Demonstration der Effektivität des „individuellen Jihad“.

Zu den Aufgaben des Verfassungsschutzes zählt nicht nur das Monitoring extremistischer und terroristischer Inhalte und Aktivitäten auf den Kommunikationsplattformen, sondern insbesondere die Aufklärung virtueller Strukturen und die Beobachtung von Radikalisierungsverläufen.

Die Einschätzung, welche Gefahr von einer Person ausgeht, gestaltet sich im virtuellen Raum ungleich schwieriger als in der Echtwelt. Ohne unmittelbaren persönlichen Kontakt ist eine fundierte Einschätzung des Gegenübers oft kaum möglich. Im Internet sind überzeugte Terroristen von reinen „Online-Jihadisten“, also echte potenzielle Täter von Maulhelden, nur schwer zu unterscheiden. Umso größer ist die Gefahr, eine wichtige Person zu übersehen oder auch falsch einzuschätzen. Das BfV arbeitet deshalb kontinuierlich an einer Verbesserung seiner Fähigkeiten als nachrichtendienstliches Frühwarnsystem. Hierzu gehören zum Beispiel die Optimierung der Aufklärungskapazitäten im Internet oder die stetige Anpassung des Indikatorensystems zur Erkennung potentieller Terroristen.

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Herausgeber: Bundesamt für Verfassungsschutz
Stand: Juli 2013

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