Mikrofone vor einer Person zur Illustration der Rubrik „Interviews"

Europäische Sicherheit & Technik: „Trotz ressourcenmäßiger Verbesserungen brauchen wir eigentlich noch mehr“

BfV-Präsident Dr. Hans-Georg Maaßen gab der Monatszeitschrift „Europäische Sicherheit & Technik“ ein Interview, welches in der Ausgabe August 2018 veröffentlicht wurde.

Europäische Sicherheit & Technik (ES&T): Herr Präsident, wo drückt Sie denn als Verfassungsschutzpräsident zur Zeit der Schuh am meisten?

BfV-Präsident Dr. Hans-Georg Maaßen: Meine Schuhe sind insgesamt zu eng. Ich würde sagen, sie drücken überall: Der islamistische Terrorismus macht mir große Sorgen, Stichwort der mutmaßliche Rizin-Attentäter in Köln. Das ist ein neues Phänomen, was schon allein deshalb besorgniserregend ist, weil es eine besondere Gefahr für die Sicherheit Deutschlands ist. Im Rechtsextremismus und im Linksextremismus sehen wir steigende Zahlen im Bereich der Gewaltbereitschaft. Im Ausländerextremismus beobachten wir Auseinandersetzungen zwischen türkischen Nationalisten und Kurden. Aber auch das Thema Cyberangriffe beschäftigt uns sehr: So gab es den Angriff auf einen Rechner des Auswärtigen Amtes, der im vergangenen Februar bekannt wurde. Aber daneben machen mir auch Cyberangriffe gegen andere Einrichtungen in Deutschland große Sorgen. Schließlich muss ich mich als Behördenleiter auch mit Personalaufwuchs, Liegenschaften, neuer Technik, die wir brauchen, beschäftigen. Also von daher, es drückt überall.

ES&T: Ist die islamistische Bedrohungslage kleiner geworden, nachdem der IS militärisch verloren hat?

Maaßen: Das sehen wir nicht. Die Bedrohung ist heute eine andere als noch vor zwei oder drei Jahren und da war sie eine andere als noch zu Zeiten von 9/11. Die Bedrohung durch den IS, ein staatsähnliches Gebilde, ist nicht mehr vorhanden. Der IS ist heute jedenfalls in vielen Staaten, er selbst spricht von Provinzen, vertreten. Man kann sagen von Indonesien bis nach Nigeria und auch bis nach Somalia, aber vor allem ist er im Cyberraum präsent. Hier hat er seine Anhänger und das Schlimme ist, die Ideologie des IS und von affiliierten Organisationen ist einfach da, und es gibt genügend junge Leute, die das attraktiv finden. Solange diese Ideologie vorhanden ist, solange es auch IS-Operative gibt, die bereit sind, junge Leute anzufixen und zu radikalisieren, ist die Gefahr für Deutschland und für Europa immer noch virulent.

ES&T: Wo sind denn diejenigen, die beim IS waren, also in Syrien, im Irak, wo sind die denn hingegangen?

Maaßen: Teilweise sind sie zurückgereist, insgesamt sind rund 1.000 Leute aus Deutschland Richtung Syrien und Irak gegangen. Ein Drittel ist inzwischen wieder hier, zu 180 Personen haben wir Hinweise, dass sie tot sind. Viele andere sind inzwischen in Gefangenschaft von irakischen Truppen oder von kurdischen oder von anderen am Bürgerkrieg beteiligten Parteien. Andere sind auch in andere Gebiete des IS weitergewandert, insbesondere nach Afghanistan, aber möglicherweise sind auch viele Personen, ohne dass wir es wissen, bei den Endkämpfen um Raqqa oder um Mosul umgekommen und liegen noch unter den Trümmern dieser Städte.

ES&T: Der IS hatte ja in der Türkei auch Strukturen, Anhänger, Unterstützer. Gibt es denn da auch eine Wanderungsbewegung in Richtung Türkei?

Maaßen: Wir haben immer wieder gesehen, dass IS Anhänger aus Deutschland versuchten, in der Türkei Unterschlupf zu finden oder über die Türkei weiterzureisen. Wir sehen allerdings derzeit keine IS Strukturen dort.

ES&T: Wie ist denn die Struktur der Islamisten hier in Deutschland?

Maaßen: Nun, da muss man zunächst mal unterscheiden, der Begriff „Islamist“
umfasst den legalistischen Bereich aber eben auch den jihadistischen. Wir gehen deshalb von einem Islamismuspotenzial von über 25.000 Personen aus, dazu zählen wir auch Personen aus dem legalistischen Bereich. In diesem Potenzial enthalten sind 11.200 Salafisten. Außerdem haben wir einen harten Kern von 1.900 Personen, die wir zum islamistischen-terroristischen Personenpotenzial zählen. Über 700 Personen davon werden von der Polizei als Gefährder bearbeitet. Das sind Zahlen, die mit den Jahren immer weiter zunehmen. Insbesondere die Zahl der Salafisten bereitet uns große Sorge, weil dies das am stärksten wachsende Personenpotenzial im Bereich des Islamismus ist und weil wir festgestellt haben, dass fast alle Jihadisten in ihrer Karriere Salafisten waren oder mit Salafisten bekannt waren. Deshalb kann man sagen, der Salafismus ist der Durchlauferhitzer für den Jihadismus, jedenfalls aus deutscher Sicht.

ES&T: Und daran hat sich nichts geändert? Das ist nach wie vor attraktiv?

Maaßen: Der Salafismus ist nach wie vor attraktiv, die Zahlen steigen immer weiter. Wir sehen aber eine Veränderung in dem Werbeverhalten der Salafisten: Sie treten in der Öffentlichkeit nicht mehr so stark in Erscheinung wie noch vor Jahren, was auch auf die repressiven Maßnahmen des Staates zurückzuführen ist. Zum Beispiel durch das Verbot der „Lies“- Aktion sehen wir die Salafisten kaum noch in den Fußgängerzonen bei Koran-Verteilaktionen. Doch die Werbung für den Salafismus hat sich zum Teil in den Cyberraum verlagert. Es gibt aber auch persönliche Ansprachen in Privaträumlichkeiten, die sogenannte „Wohnungsdawa“.

ES&T: Dann spielen auch Moscheen nicht mehr eine ganz so große Rolle wie früher?

Maaßen: Jedenfalls trifft das für den Salafismus zu. Zudem sehen wir nicht mehr die prominenten Aushängeschilder des Salafismus, die wir vor Jahren gesehen haben. Damals konnte man im Grunde den Salafismus mit wenigen Namen in Verbindung bringen, mit Pierre Vogel, Sven Lau oder Abu Walaa. Das ist heute anonymer, aber es ist nicht ungefährlicher.

ES&T: Sie haben vorhin schon einmal gesagt, dass der Islamismus auch in der Cyberwelt eine Rolle spielt, eher im Bereich der Werbung von Nachwuchs oder üben die auch Aktionen und Anschläge im Cyberraum aus?

Maaßen: Also wir sehen die Fähigkeiten des IS oder von jihadistischen Gruppen im Cyberraum nicht darin, dass sie größere Cyberanschläge durchführen können. In der Vergangenheit gelang es ihnen, sogenannte Defacements durchzuführen oder kleinere DDoS-Angriffe (Distributed Denial of Service). Zu mehr haben sie offensichtlich noch nicht das Know-how. Wir sehen aber, dass der Cyberraum von ihnen genutzt wird, zur Propaganda, um Leute zu radikalisieren, von persönlichen Ansprachen bis hin zum Coaching von möglichen Attentätern, wie wir es in Ansbach oder bei dem Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin gesehen haben. Es werden dort Bombenbauanleitungen verbreitet, auch Kochbücher für die Herstellung von Rizin und anderen biologischen Waffen.

ES&T: Es ist jetzt für die Öffentlichkeit ein bisschen überraschend, dass Sie auch hier in diesem Gespräch den Linksradikalismus fast gleichrangig mit dem Islamismus genannt haben. Ist das eine stärkere Tendenz?

Maaßen: Es fällt mir schwer von Gleichrangigkeit zu sprechen. Ich spreche davon, dass der Linksextremismus natürlich auch ein Feld ist, das uns beschäftigt und Sorgen bereitet. Jede Form von Extremismus bis hin zum Terrorismus stellt eine spezifische Gefahr für die innere Sicherheit und für die freiheitliche demokratische Grundordnung dar. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ein Terroranschlag nicht unbedingt eine Gefährdung unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung darstellt, weil er sie nicht wirklich erschüttern kann.

Ohne von Gleichrangig- oder Nachrangigkeit zu sprechen ist auch mit dem Linksextremismus zu rechnen, der aus unserer Perspektive durchaus eine Gefahr ist, aber eben eine andere als der Islamismus.

ES&T: Kann man es denn trotzdem quantifizieren, Größenverhältnisse angeben?

Maaßen: Also Größenverhältnisse kann man insoweit angeben, dass wir auch versuchen die uns bekannten Linksextremisten zu zählen. Wir haben rund 30.400 Linksextremisten in Deutschland und rund 9.000 dürften zum gewaltbereiten Bereich gehören.

ES&T: Haben die Ereignisse im Zusammenhang mit dem G20 Gipfel dem ein bisschen Auftrieb gegeben?

Maaßen: Ja, das kann man so feststellen. Der G7 Gipfel in Elmau war eine Niederlage für den gewaltbereiten Linksextremismus, weil es dem Linksextremismus nicht gelungen war, die Ziele dort durchzusetzen. Sie haben sich nach Elmau neu aufgestellt. Wir nehmen wahr, dass es insbesondere der „Interventionistischen Linken“ gelungen ist, eine Klammer zu bilden zwischen den linksradikalen Menschen in diesem Land und dem gewaltbereiten Linksextremismus und zwar mit dem Ziel, dass sie auch die nicht gewaltbereiten, nicht linksextremistischen in diese Koalition insoweit aufnehmen, dass man ähnliche Ziele verfolgt und die anderen nicht dafür kritisiert, wenn sie bestimmte und zwar gewaltbereite Maßnahmen anwenden. Das war ein großer Erfolg des Linksextremismus beim G20 Gipfel.

Wir haben auch gesehen, dass die Linksextremisten beim G20 Gipfel eine ausgesprochen gute Medienarbeit betrieben haben, indem sie bestimmte Narrative vertreten haben, die teilweise auch von den Qualitätsmedien zumindest anfänglich übernommen worden sind. Nämlich das Narrativ, die Linksextremisten in Hamburg würden sich nur gegen überzogene Polizeimaßnahmen und gegen Polizeigewalt verteidigen. Das ist ein Narrativ, das von Linksextremisten regelmäßig verwendet wird, um sich als Opfer darzustellen und damit eigene Gewalt als Verteidigung hinzustellen.

ES&T: Wie ist denn nun die Lage im Rechtsextremismus?

Maaßen: Im Rechtsextremismus nehmen wir wahr, dass die Zahl der Rechtsextremisten seit 2015 wieder ansteigt. Nachdem ihre Zahl zwischen 2000 und 2014 deutlich zurückgegangen war, von rund 50.000 auf 21.000, ist sie jetzt wieder auf 24.000 Personen angestiegen. Noch größere Sorge bereitet uns die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten. Man kann sagen, dass heute jeder zweite Rechtsextremist gewaltbereit ist. Die Herausbildung weiterer rechtsterroristischer Strukturen erscheint möglich. Sofern sich aber Ansätze für eine derartige rechtsterroristische Ausprägung zeigen, etwa konkrete Anzeichen für die Planung einer schweren Gewalttat oder eines terroristischen Anschlags, erfolgt eine engmaschige intensive Bearbeitung. Dies haben wir bei „Old-School-Society gesehen, einer rechtsextremistischen Gruppierung, die sich in sozialen Netzwerken verabredet hatte, Angriffe gegen Asylunterkünfte zu verüben. Das ist dem Verfassungsschutz durch nachrichtendienstliche Operationen bekannt geworden. Wir hoffen jedenfalls, dass wir diese möglichen, zu Terroranschlägen bereiten Rechtsextremisten auf unserem Radarschirm haben.

ES&T: Spielt denn der NSU Prozess in der Szene eine Rolle?

Maaßen: Wir beobachten, dass der NSU Prozess in der linksextremistischen Szene eine erhebliche Rolle spielt, aber nicht im Rechtsextremismus.

ES&T: Befürchten Sie, dass das nach dem Urteil anders wird?

Maaßen: Ich sehe nicht, dass das Urteil im Bereich des Rechtsextremismus wirkliche Auswirkungen haben wird, weil die Szene dem Urteil – wie auch schon dem Prozess insgesamt – weitgehendes Desinteresse entgegenbrachte. Wir sehen aber, dass für den Bereich des Linksextremismus das Thema NSU eine Mobilisierungswirkung hat und schließen auch nicht aus, dass ein Urteil wie jetzt in München zu einer weiteren Mobilisierung oder Radikalisierung führen kann.

ES&T: Gehen wir mal zu Cyber über. Haben Sie das Gefühl, dass in Deutschland das Bewusstsein dafür, welche Gefahren im Cyberraum drohen oder schon vorhanden sind, ausgeprägt genug ist?

Maaßen: Ja und nein. Ich glaube, es ist mehr und mehr in der Wirtschaft und auch bei denen für Cyber Verantwortlichen angekommen, dass der Cyberraum ein Gefahrenraum ist. In der Gesellschaft sieht man jedenfalls eine latente Unsicherheit, ein Bedrohungsgefühl. Der Cyberraum ist derzeit ein Unsicherheitsraum, in dem Cyberangriffe tagtäglich stattfinden, von ausländischen Diensten oder von organisierten Hackern. Und die Angriffe werden immer besser. Wir müssen zudem vor dem Hintergrund von „IoT“ – „Internet of Things“ sagen, dass die Angriffsfläche, die wir bieten, immer weiter zunimmt. Das bedeutet: Derzeit gibt es schon einen unsicheren Cyberraum und er wird immer größer, und wir bieten unserem Gegenüber immer mehr Angriffsfläche, die uns vielleicht noch verletzbarer macht, als es bisher der Fall war.

ES&T: Nun gibt es ja die Aussage, dass der Angriff auf die Regierungsinstitutionen, der letzten Winter gelaufen ist, eigentlich ein Beleg dafür ist, dass die Regierung relativ gut geschützt ist. Schließlich sind die Angreifer nicht über eine gewisse Schwelle, hinausgekommen. Ist das richtig?

Maaßen: Das ist sicherlich zutreffend. Dieser Cyberangriff fand statt und wurde dann kontrolliert. Es ist bedauerlich, dass er zu früh bekannt wurde. Ansonsten hätte man möglicherweise noch mehr Erkenntnisse über das Gegenüber gewinnen können. Es ist aber nun auch so, dass tagtäglich Cyberangriffe auf Netze, die nicht so gut geschützt sind wie das der Bundesregierung, stattfinden.

Man muss sich vergegenwärtigen, dass auch Angriffe auf die Wirtschaft vielleicht nicht direkt auf das Zielunternehmen, das man angreifen, ausforschen oder sabotieren will, durchgeführt werden, sondern über Zulieferer, kleine mittelständische Unternehmen, um dann von dort aus den Angriff durchführen zu können.

ES&T: Gibt es denn in der Wirtschaft schon ein ausreichendes Problembewusstsein?

Maaßen: Ich denke, dass das Problembewusstsein besser geworden ist, allerdings muss man auch unterscheiden: Um die großen Unternehmen muss man sich weniger Sorgen machen. Die haben regelmäßig starke Sicherheitsabteilungen, aber bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen ist dies nicht immer der Fall. Um das auch dort zu erreichen, versuchen wir Sensibilisierungen in der Fläche durchzuführen über die Industrie- und Handelskammern und die Landesämter für Verfassungsschutz. Ein neueres Instrument, welches wir für die Sensibilisierung einsetzen, ist der BfV Cyber-Brief. Dabei handelt es sich um eine Warnmeldung, die durch das BfV veröffentlicht wird und auf aktuelle Angriffskampagnen hinweist. Durch die beigefügten Informationen können die Unternehmen prüfen, ob sie von dem Angriff betroffen sind.

ES&T: Nimmt die mittelständische Wirtschaft die Ratschläge auf und an?

Maaßen: Mein Eindruck ist, dass unsere Botschaften gehört werden, aber es besteht jedenfalls noch viel Handlungsbedarf.

ES&T: Kann man denn die Urheber solcher Angriffe feststellen oder einwandfrei feststellen?

Maaßen: Es ist bei Cyberangriffen ausgesprochen schwierig mit hundertprozentiger Gewissheit den Urheber festzustellen, in Einzelfällen gelingt es. So haben wir Indizien, die auf den russisch-militärischen Dienst als Urheber der Cyberkampagne APT 28 hindeuten. Das macht eben Cyberangriffe so attraktiv für das Gegenüber, weil es ausgesprochen schwierig ist, den Angreifer eindeutig zu identifizieren und regelmäßig kann man nur mit Wahrscheinlichkeiten oder Möglichkeiten operieren. Es bleibt immer noch eine Lücke, wir sprechen in solchen Fällen von einem „Intelligence gap“, wo noch die Möglichkeit besteht, dass hinter dem mutmaßlichen Attentäter eigentlich ein ganz anderer steht, der eine False-Flag-Operation durchführt.

ES&T: Gibt es denn bestimmte Länder, die da immer wieder einschlägig auffallen?

Maaßen: Es sind verschiedene Länder, die sich in diesem Bereich ertüchtigt haben, in erster Linie sind die Staaten Russland und China zu nennen, aber auch der Iran hat Cyberkompetenzen aufgebaut. Man muss auch sehen, der Bereich der großangelegten Cyberangriffskampagnen ist natürlich ein Feld, das jetzt viele Nachrichtendienste auf der Welt bearbeiten und auf dem sie sich ertüchtigen.

ES&T: Können Sie ein paar Beispiele nennen, wo Sie sagen, das sind Indizien von denen wir Rückschlüsse auf bestimmte Länder, auf bestimmte Urheber ziehen können?

Maaßen: Man kann aufgrund der technischen Parameter Rückschlüsse ziehen. Es sind Hinweise auf bestimmte Server, die als Angriffsserver verwendet werden. Sofern diese Server bereits in anderem Zusammenhang einer bestimmten Gruppierung, einem bestimmten Nachrichtendienst zuzurechnen waren, kann man Rückschlüsse ziehen, dass auch dieser Cyberangriff von demselben Urheber stammt. Man kann auch aufgrund anderer Parameter bestimmte Vermutungen anstellen zum Beispiel wenn Cyberangriffe in einer bestimmten Sprache programmiert sind oder zu einer bestimmten Uhrzeit oder mit einer bestimmten Geolokalisierung stattfinden, dann ist es möglich, Rückschlüsse auf den mutmaßlichen Urheber ziehen.

ES&T: Haben Sie denn ausreichend Fähigkeiten aufzuklären oder gibt es da vielleicht einen Nachrüstbedarf in diesem Zusammenhang?

Maaßen: Ich glaube, wir sind im Bereich der Aufklärung gut, wir müssen uns aber weiterentwickeln. Das Thema Cyberabwehr ist ein Schwerpunktthema im Bundesamt für Verfassungsschutz.

ES&T: Gibt es eine neue Bedrohung durch biologische oder chemische Stoffe? Wir hatten den Fall in Ihrer Nachbarschaft mit Rizin in Köln-Chorweiler.

Maaßen: Biologische und chemische Waffen sind schon seit vielen, vielen Jahren Gesprächsgegenstand der jihadistischen Szene, insbesondere von IS und Al Qaida. Dies war in der Vergangenheit immer wieder in der jeweiligen Region, in Afghanistan oder in Syrien und im Irak Thema gewesen. Aber wir haben diese Ansätze bisher nicht in Europa festgestellt und schon gar nicht in Deutschland. Allerdings haben wir Mitte Mai gesehen, dass es in Paris Personen gab, die offensichtlich planten, einen Rizin-Anschlag durchzuführen. Dann haben wir schließlich feststellen müssen, dass es einige Wochen später in Köln jemanden gab, der Ähnliches plante und der auch schon mit konkreten Vorbereitungen begonnen hatte. Vor dem Hintergrund, dass die jihadistische Szene derartige Anschläge immer wieder diskutierte, teilweise dazu aufrief, sehen wir es jedenfalls als eine ernsthafte Bedrohung für unsere Sicherheit an.

ES&T: Der H. hatte ja versucht nach Syrien auszureisen. Ist er Ihnen dadurch zum ersten Mal aufgefallen? Wie wurde er zu dem damaligen Zeitpunkt eingeschätzt?

Maaßen: Zu dem damaligen Zeitpunkt wurde er als Islamist eingeschätzt und insoweit auch als Anhänger des IS, wobei wir Hinweise hatten, die darauf hindeuteten, dass er plante, nach Syrien zum IS zu reisen.

ES&T: Ein ganz entscheidender Hinweis auf die bevorstehende oder geplante oder vorbereitete Tat kam ja von einem ausländischen Partnerdienst und zwar, dass er bestimmte Materialien bestellt hat. Können Sie eine solche Bestellung selber feststellen oder dürfen Sie das nicht?

Maaßen: Ich würde es so formulieren: um eine derartige Tatplanung aufzuklären, gibt es normalerweise nicht nur einen Hinweis. Unabhängig vom konkreten Fall kann man feststellen, dass wir immer wieder von in- und ausländischen Partnern viele wertvolle Hinweise bekommen. Wir haben natürlich auch Zugänge und Erkenntnismöglichkeiten, aber andere Dienste haben darüber hinausgehende Aufklärungsmöglichkeiten und wir sind in jedem Fall dankbar, in dem uns unsere ausländischen Partner unterstützen.

ES&T: Mir sagte letztens jemandem, dass es eine Gesetzeslücke gebe. Der Betreffende kam zu der Aussage, dass wir unsere Sicherheit teilweise an amerikanische Dienste ausgelagert hätten. Würden Sie dem zustimmen? Brauchen Sie mehr und andere Gesetze?

Maaßen: Die amerikanischen Dienste sind natürlich in mehrfacher Hinsicht in einer anderen Situation als wir, nicht nur, dass sie praktisch und technisch andere Zugangsmöglichkeiten haben als wir, sie haben auch ein anderes rechtliches Instrumentarium. Ich halte es für richtig, dass wir lageadäquat ausgestattet werden, und da bin ich der festen Überzeugung, dass sich die Lage in Deutschland in den letzten Jahren erheblich verändert hat. Das betrifft zum einen die Sicherheitslage und das betrifft auch das, was unser Gegenüber nutzt. Unser Gegenüber nutzt nicht mehr SMS und Festnetz, sondern Instant Messenger Dienste und andere Kommunikationsmittel sowie Kryptologie im Internet. Darauf muss einfach reagiert werden.

ES&T: Also in dem Bereich bedarf es auch einer juristischen Nachbesserung?

Maaßen: Wir sind insoweit permanent mit der Politik im Gespräch und formulieren natürlich unsere Bedürfnisse.

ES&T: Wenn man sich die politische Szene anschaut, dann gibt es ja zurzeit transatlantische Verstimmungen. Hat sich das auf Ihre Arbeit niedergeschlagen? Wie vertrauensvoll ist die Zusammenarbeit zum Beispiel mit amerikanischen Diensten oder mit anderen Partnerdiensten?

Maaßen: Die Zusammenarbeit mit unseren Partnern auf der anderen Seite des Atlantiks ist seit jeher gut und das Entscheidende ist, dass sie unabhängig von demjenigen ist, der gerade im Weißen Haus regiert. Die Zusammenarbeit ist vertrauensvoll und gut.

ES&T: Wissen Sie eigentlich mittlerweile wer bei den Flüchtlingsströmen hier ins Land gekommen ist? Haben Sie da einen besseren Überblick als noch vor ein, zwei Jahren?

Sind Sie denn personell und materiell gut gerüstet für die Aufgaben, die Sie haben?

Maaßen: Wir haben in den letzten Jahren deutliche ressourcenmäßige Verbesserungen erfahren. Ich muss allerdings mit Blick auf die deutlich veränderte Sicherheitssituation und die Herausforderungen sagen, wir brauchen eigentlich noch mehr. Das ist aber der Politik bekannt. Ich sage aber auch, wir können als Behörde, sowohl was Ressourcen und Personal angeht als auch Befugnisse nicht wuchern, sondern wir müssen natürlich wachsen. Ich kann nur Personal einstellen, das zu uns passt und das integriert werden kann und das eine gute Ausbildung hat, und daran arbeiten wir.

ES&T: Wo fehlt es denn am meisten?

Maaßen: Das kann man so nicht sagen. Wir hatten im vergangenen Jahr auf unsere freien Stellen fast 17.000 Bewerber gehabt. Wir konnten insoweit in vielen Bereichen aus dem Vollen schöpfen. Denn wir sind ein attraktiver Arbeitgeber, aber es gibt natürlich bestimmte Funktionen, die auch nicht einfach zu besetzen sind, wie bei anderen auch. Dazu gehören bestimmte Ausbildungen, bestimmte Sprachen, die wir suchen, auch in manchen IT-Bereichen brauchen wir bestimmte Berufsprofile, die schwierig zu finden sind.

Das Interview führte Rolf Clement.

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