Zwei maskierte, bewaffnete Islamisten vor dem Schwarzen Banner zur Illustration des Arbeitsfelds „Islamismus“, Keyvisual Islamismus

Salafistische Bestrebungen

Inhalte und Ziele salafistischer Ideologie

Der Salafismus gilt sowohl in Deutschland als auch auf internationaler Ebene als die zurzeit dynamischste islamistische Bewegung. In Deutschland verzeichnet das salafistische Spektrum seit Jahren steigende Anhängerzahlen. Lag die bundesweite Zahl der Salafisten im Jahr 2011 noch schätzungsweise bei 3.800 Personen, beläuft sich das aktuelle salafistische Personenpotenzial auf ca. 10.300 Anhänger (Stand: September 2017).

Screenshot des Propagandavideos von 2011: „Islam in 30 Sekunden“VergrößernScreenshot des Propagandavideos von 2011: „Islam in 30 Sekunden“

Unter dem Oberbegriff Salafismus versteht man eine vom Wahhabismus geprägte islamistische Ideologie, die sich an den Vorstellungen der ersten Muslime und der islamischen Frühzeit orientiert. Der Wahhabismus ist eine auf Muhammad Ibn Abdalwahhab (1703-1792) zurückgehende und in Zentralarabien (Najd) entstandene Lehre. Er orientiert sich weitgehend an der hanbalitischen Rechtsschule und vertritt die Reinigung des Islam von späteren „Neuerungen“. Der Wahhabismus ist die Staatsreligion Saudi-Arabiens und die einflussreichste ideologische Strömung innerhalb des Salafismus.

Salafisten geben vor, ihre religiöse Praxis und Lebensführung ausschließlich an den Prinzipien des Koran und dem Vorbild des Propheten Muhammad und der frühen Muslime - der sog. „rechtschaffenen Altvorderen“ (arab. al-salaf al-salih, d. h. die ersten drei Generationen des Islam) - auszurichten. Ziel von Salafisten ist jedoch die vollständige Umgestaltung von Staat, Rechtsordnung und Gesellschaft nach einem salafistischen Regelwerk, das als „gottgewollte“ Ordnung angesehen wird. In letzter Konsequenz soll ein islamischer „Gottesstaat“ errichtet werden, in dem wesentliche, in Deutschland garantierte Grundrechte und Verfassungspositionen keine Geltung haben sollen.

Erscheinungsformen salafistischer Aktivitäten

Salafistische Propagandaaktivitäten finden sowohl im Internet als auch in der Realwelt statt. Salafisten geben ihren Propagandaaktivitäten den Schein einer legitimen Religionsausübung und bezeichnen sie verharmlosend als „Missionierung“ (arabisch: „Da’wa“) oder „Einladung zum Islam“. Es handelt sich in Wahrheit jedoch um eine systematische Indoktrinierung, die oft den Beginn einer weitergehenden Radikalisierung darstellt.

Der Salafismus entfaltet seine Breitenwirkung vor allem durch das Internet. Salafistische Ideologieinhalte werden durch eine Vielzahl von Webseiten sowie durch zahlreiche Kurzvideos, zum Beispiel auf dem Videoportal YouTube, vermittelt. Gerade hier werden insbesondere junge Menschen als Adressaten erreicht. Durch Chats, Foren und soziale Netzwerke erfolgt zugleich auch eine Vernetzung der Szene. Das Internet dient somit nicht nur als Mittel zur Verbreitung salafistischer Propaganda, sondern auch als zentrale Kommunikationsplattform der Akteure. Eine besondere Gefahr ergibt sich daraus, dass auch rein virtuell verbreitetes salafistisches Gedankengut radikalisierungsfördernd sein kann. Nutzer können sich aus den Versatzstücken der im Netz kursierenden Propaganda ihr eigenes Weltbild zusammensetzen, „erklären“ und „begründen“.

Neben der Verbreitung salafistischen Gedankenguts über das Internet treten Salafisten in den letzten Jahren vermehrt auch mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen „auf der Straße“ in Erscheinung. Propagandaaktivitäten wie Open-Air-Veranstaltungen in Innenstädten, „Infostände“ und „Street Da’wa“ gewinnen gegenüber traditionellen salafistischen Aktionsformen, wie Islamseminaren/-vorträgen und Spendensammel-/Benefizveranstaltungen, immer mehr an Gewicht. Diese „Echtwelt“-Aktivitäten, die teilweise bewusst provokativen Charakters sind, haben sich – neben den Internetaktivitäten – zu wesentlichen Instrumenten der Verbreitung salafistischer Ideologie entwickelt.

Koranexemplare der 21. Auflage in verschiedenen SprachenVergrößern© facebook.com/diewahrereligion/ Koranexemplare der 21. Auflage in verschiedenen Sprachen

Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die von der salafistischen Missionierungsorganisation „Die Wahre Religion“ öffentlichkeitswirksam betriebene „LIES!“-Kampagne, bei der seit Oktober 2011 kostenlose Koranübersetzungen an Nicht-Muslime verteilt werden.

Die „LIES!“-Kampagne war mit dem selbst erklärten Ziel gestartet, 25 Millionen Korane an Haushalte in Deutschland zu verteilen. Seit Herbst 2013 besteht die Zielvorgabe, Korane an sämtliche Nicht-Muslime in Europa in den jeweiligen Landessprachen zu überreichen. Einzelne Verteilaktionen, die an deutschsprachige Touristen gerichtet waren, gab es auch in muslimisch geprägten Urlaubsländern wie Ägypten oder der Türkei.

Albanische Koranexemplare in der DruckereiVergrößern© facebook.com/diewahrereligion/ Albanische Koranexemplare in der Druckerei

Das Verteilen von Koranen stellt an sich noch keinen verfassungsschutzrelevanten Vorgang dar. Die „Islam-Infostände“ werden von den Salafisten jedoch zur Anbahnung von Kontakten genutzt, die im weiteren Verlauf zur Radikalisierung der Betroffenen führen können. Mit dieser Aktionsform sollen in Ergänzung zu den Internetauftritten Zielgruppen persönlich angesprochen werden.

Gründe für die Expansion des Salafismus

Salafistische Ideologie wird inzwischen sehr professionell verbreitet. Salafistische Prediger setzen sich öffentlichkeitswirksam in Szene und üben eine beträchtliche Anziehungskraft vorwiegend auf junge Menschen aus. Insbesondere in jugendlichen Kreisen gewinnen salafistische Bestrebungen an Attraktivität durch ein Orientierung und Sicherheit gebendes (einfaches) ideologisches Sinn- und Regelsystem, die vollständige Integration in eine Gruppe von „Rechtgläubigen“ sowie ein auch öffentlich zelebriertes Leben in Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft. Die salafistische Ideologie vermittelt ihren Anhängern das Bewusstsein, Angehörige einer gesellschaftlichen und moralischen Elite zu sein. Salafisten fühlen sich ihrer Umwelt, die sie als verdorben betrachten, moralisch überlegen und werten andere Lebensentwürfe ab.

Gleichzeitig werden Personen mit wenig oder keinen religiösen Vorkenntnissen, die sich einer salafistischen Gemeinschaft anschließen wollen, problemlos aufgenommen und von dieser wertgeschätzt. Gerade für Menschen, die Ausgrenzungen und Benachteiligungen erfahren haben, bieten Salafisten eine Heimat, in der sie akzeptiert werden, solange sie sich an die gemeinsamen Regeln und Werte halten.

Salafistische Bestrebungen profitieren auch von Abwanderungstendenzen aus anderen islamistischen Organisationen. Diese haben zum Teil eine noch auf das Herkunftsland fokussierte Agenda, die für die in Deutschland sozialisierte junge Generation kaum noch Relevanz hat.

Als aktionsorientierte islamistische Jugendbewegung bietet der Salafismus vielfältige Handlungsmöglichkeiten, sich für den Glauben zu engagieren und durch die übertragene Verantwortung eine Aufwertung zu erfahren.

Gewaltpotenzial der salafistischen Szene

Die Mehrzahl der salafistischen Akteure und Gruppierungen in Deutschland gehört dem politisch-salafistischen Spektrum an. Anhänger des politischen Salafismus zielen darauf ab, ihre extremistische Ideologie maßgeblich auf dem Weg der politischen und gesellschaftlichen Einflussnahme zu verbreiten. Dabei konzentrieren sie sich vor allem auf die „Missionierung“ von Nicht-Muslimen und die Indoktrinierung nicht-salafistischer Muslime im Sinne ihrer Ideologie. Akteure des politischen Salafismus vermeiden es aus taktischen Gründen nach wie vor, in Deutschland offen zu Gewalt aufzurufen und sprechen sich in Teilen sogar dezidiert gegen die Anwendung von Gewalt und terroristische Anschläge aus. Dabei verweisen sie zugleich (direkt und indirekt) auf die Verfehlungen des Westens beziehungsweise auf hier bestehende Vorbehalte gegen Muslime („mixed messages“). Anhänger des jihadistischen Salafismus hingegen glauben, ihre Ziele durch Gewaltanwendung realisieren zu können.

Das von Salafisten verbreitete Gedankengut bildet den Nährboden für eine islamistische Radikalisierung zum jihadistischen Salafismus bis hin zur Rekrutierung für den militanten Jihad. Es ist immer wieder festzustellen, dass sich politische Salafisten in ihrer Islamauslegung selektiv auf klassische Werke der islamischen Rechtsliteratur sowie Schriften und Rechtsgutachten (arabisch: „Fatwa“, Plural: „Fatawa“) salafistisch-wahhabitischer Rechtsgelehrter stützen, die im Umgang mit Nicht-Muslimen eine starke Affinität zur Gewalt aufweisen. Demnach muss die salafistische Islamauslegung aufgrund ihres universellen Geltungsanspruchs der gesamten Menschheit zuteil werden und notfalls mit Gewalt durchgesetzt werden. Daher ist die Haltung politischer Salafisten zur Frage der Gewaltanwendung als ambivalent zu bezeichnen; sie verbreiten „mixed messages“. Diese sind ausschlaggebend dafür, dass die Übergänge zwischen politischem und jihadistischem Salafismus fließend sind. Salafistische Bestrebungen stellen mithin aufgrund ihrer ideologiebedingten, inhärenten Gewaltaffinität und der radikalisierenden Wirkung salafistischer Ideologieinhalte ein eminentes Sicherheitsproblem dar. Der Schritt zur tatsächlichen Gewaltanwendung ist – wie die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen – in der salafistischen Szene nur klein.

Nachdem Akteure von „pro NRW“ bei Kundgebungen im nordrhein-westfälischen Wahlkampf am 1. Mai 2012 in Solingen (Nordrhein-Westfalen) und am 5. Mai 2012 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) die umstrittenen Muhammad-Karikaturen des Dänen Kurt Westergaard gezeigt hatten, griffen gewaltorientierte Salafisten Teilnehmer von „pro NRW“ sowie vor Ort eingesetzte Polizeikräfte an.

Der Vormarsch des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) in Syrien und im Irak führte hierzulande zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kurden/Yesiden und Salafisten/salafistischen Tschetschenen am 6. August 2014 in Herford (Nordrhein-Westfalen), am 6./7. Oktober 2014 in Celle (Niedersachsen) und am 7./8. Oktober 2014 in Hamburg.

Syrien

Nach wie vor ist gerade der Syrien-Konflikt für die salafistische Szene von enormer Bedeutung und führt bei Anhängern und Predigern des politisch-salafistischen Spektrums zu einer fortschreitenden Radikalisierung.

Es liegen derzeit Erkenntnisse zu ca. 940 deutschen Islamisten bzw. Islamisten aus Deutschland vor, die in Richtung Syrien/Irak gereist sind, um dort auf Seiten des IS und anderer terroristischer Gruppierungen an Kampfhandlungen teilzunehmen oder diese in sonstiger Weise zu unterstützen (Stand: September 2017).

Seit dem Jahr 2012 hat sich mit den sogenannten Benefizveranstaltungen für Syrien ein neues salafistisches Aktionsfeld etabliert. Die Bereitschaft zu spenden wird durch salafistische Akteure mit Propagandamaterial gefördert. So werden besonders grausame Bilder und Videos aus dem syrischen Bürgerkrieg veröffentlicht.

Die bei den Veranstaltungen gesammelten Spenden werden mit Konvois nach Syrien gebracht. Sie transportieren u. a. Hilfsgüter wie Kleidung, Medikamente sowie Fahrzeuge (z. B. Krankenwagen).

Seit dem Jahr 2014 ist die Zahl der Benefizveranstaltungen stark rückläufig. Es können mittlerweile nur noch vereinzelt Benefizveranstaltungen festgestellt werden. Dieser Rückgang wirkt sich auch auf die Anzahl der festgestellten Syrien-Konvois aus.

Fazit

Die Mehrzahl der Salafisten in Deutschland sind keine Terroristen, sondern politische Salafisten. Andererseits sind fast alle in Deutschland bisher identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen salafistisch geprägt bzw. haben sich im salafistischen Milieu entwickelt.

Die Dynamik salafistischer Bestrebungen wird sich bis auf Weiteres fortsetzen, entsprechend ist kurz- und mittelfristig mit weiter steigenden Anhängerzahlen zu rechnen. Dies gilt auch für den Zulauf von Personen aus anderen islamistischen Organisationen. Dabei ist der Einfluss salafistischer Propaganda grundsätzlich geeignet, Radikalisierungsverläufe zu beschleunigen.

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