Zwei maskierte, bewaffnete Islamisten vor dem Schwarzen Banner zur Illustration des Arbeitsfelds „Islamismus“, Keyvisual Islamismus

Jihadismus als Gewaltideologie – Der Missbrauch des Islam für terroristische Zwecke

Seit geraumer Zeit stellt das BfV zunehmend rapide Radikalisierungsverläufe vorzugsweise junger Muslime fest, die bis zur Bereitschaft zum Gewalteinsatz und zur Beteiligung an terroristischen Anschlägen im In- und Ausland reichen. Der nach bisherigen Erkenntnissen von einem radikalisierten Einzeltäter durchgeführte Anschlag am 2. März 2011 am Frankfurter Flughafen, bei dem zwei Personen getötet und weitere schwer verletzt wurden, ist ein Beispiel für die Wirkung jihadistischer Botschaften, die islamistische Terrororganisationen bzw. ihre Propagandisten und Sympathisanten der jihadistischen Szene seit Jahren über das weltweite Netz verbreiten.

Missbrauch der Religion

Islamistische Terroristen begründen ihre Gewalttaten damit, dass diese angeblich durch den Islam gerechtfertigt oder als „Befehl Gottes“ sogar gefordert seien. Sie rufen zum weltweiten Kampf gegen die vermeintlichen Feinde des Islam auf und rühmen bei Kampfeinsätzen getötete Gewalttäter als „Märtyrer“ für die Sache Gottes.

Tatsächlich jedoch verbietet der Islam nach einhelliger Auffassung religiöser Autoritäten sowohl Mord als auch Selbstmord. Der bewaffnete Kampf zur Verteidigung muslimischen Territoriums ist nur unter eng definierten Bedingungen zulässig und muss von Religionsgelehrten ausdrücklich gebilligt werden. Führende Terroristen wie Usama Bin Ladin sind keine Rechtsgelehrten und daher gar nicht befugt, den gewaltsamen Jihad auszurufen oder für ihn zu werben. Terrorismus, die Ausübung schwerster Gewalttaten gegen Menschen und Einrichtungen, ist unter keinen Bedingungen mit den islamischen Normen vereinbar.

Jihadistische Propaganda und die Rechtfertigung terroristischer Anschläge sind unislamisch; die Religion wird für Zwecke der politischen Machtgewinnung missbraucht. Terroristen missinterpretieren religiöse Begriffe bewusst, um junge Menschen zu indoktrinieren und sie für die Durchsetzung ihrer Ziele zu rekrutieren.

Jihadismus als Gewaltideologie

Zahlreiche gewaltorientierte Argumentationsmuster haben sich im Verlauf der konkreten Gewaltgeschichte terroristischer Organisationen – dokumentiert in Selbsterklärungen, Tatbekennungen und Mobilisierungsaufrufen, Rechtsgutachten oder Videobotschaften etc. – zu einem ideologischen Katalog verdichtet, sodass von Jihadismus als verselbständigter Gewaltideologie zu sprechen ist. Diese Gewaltideologie hat sich von autoritativen islamrechtlichen Abwägungsprozessen gelöst und ist – vor allem im Internet – auch in zahlreichen Übersetzungen frei verfügbar. Jihadismus bezeichnet eine vom religiösen Erklärungs- und Begründungsrahmen abgelöste, pure Gewaltideologie.

Der moderne Jihadismus: Entgrenzung und Engführung

Hatte sich diese Gewaltideologie vor allem im Zuge der Entwicklung von al-Qaida herausgebildet, wird diese durch die „Erfolge“ des „Islamischen Staates“ (IS) und deren propagandistischer Aufbereitung noch intensiviert. Zu den wichtigsten Merkmalen des Jihad-Konzeptes von al-Qaida gehören:

  • Die territoriale Entgrenzung des gewaltsamen Kampfes, der als globaler Kampf ohne regionale oder nationale Grenzen definiert wird: Jihadistische Propagandisten vertreten die Auffassung, dass Anschläge gegen den Westen, gegen Einrichtungen westlicher Staaten oder gegen militärische Einsätze westlicher Länder in der islamischen Welt – auch solche zur Friedenssicherung – verpflichtend seien. Diesen Zielen entspricht auch die Ideologie des „Islamischen Staates“ (IS), der als zusätzliches Ziel die Einrichtung eines weltweiten Kalifats mit der Scharia – in der extremistischen Interpretation des IS - als einziger Rechtsgrundlage verfolgt.

  • Nach der terroristischen Logik ist der Kampf gegen den Westen zeitlich unbegrenzt. Jihadisten propagieren einen totalen Krieg gegen die vermeintlichen Feinde des Islam in aller Welt, der erst beendet sein werde, wenn sich die USA und ihre Verbündeten aus allen islamischen Gebieten zurückgezogen haben werden. Dieses Konzept schließt die Vernichtung Israels mit ein.

  • Ziel terroristischer Anschläge sind ausdrücklich auch Zivilisten. Bereits 1998 erklärte Usama Bin Ladin, die Tötung von Amerikanern und ihren Verbündeten, ob Zivilisten oder Soldaten, sei eine Pflicht für jeden Muslim. Gewaltakte gegen Zivilisten werden damit begründet, dass die Werte und Normen der westlichen Demokratien dem Islam widersprächen und angesichts des Prinzips der Volkssouveränität Bürger demokratischer Staaten verantwortlich für die Entscheidungen ihrer Regierungen – etwa über militärische Einsätze in islamischen Ländern – seien. Jihadisten propagieren unter fundamentaler Verletzung der ethischen und rechtlichen Gebote des Islam Gewalt gegen unbeteiligte Menschen jeder Herkunft.

  • Das arabische Wort jihâd hat ein breites Bedeutungsspektrum. Zum einen beschreibt dieser Begriff das friedliche und rechtschaffene Bemühen des Menschen auf dem Weg Gottes und ist damit eine ethische Verpflichtung für jeden Gläubigen („großer Jihad“). Zum anderen bezeichnet der Begriff den militärischen Kampf für die Religion, der jedoch nur im konkreten Verteidigungsfall geführt werden darf („kleiner Jihad“). Die Ausrufung dieses „kleinen Jihad“ erfordert eine komplizierte Einzelfallprüfung unter koranrechtlichen Aspekten und muss von Rechtsgelehrten entschieden werden. Die jihadistische Erklärung des totalen, zeitlich unbegrenzten Terrors gegen westliche Staaten und ihre Bürger sowie gegen alle nach dem Verständnis der Jihadisten „Ungläubigen“ und die Aufforderung zu Terrorakten gegen diese ist mit dem Islam unter keinen Umständen vereinbar.

  • Terroristen schließen friedliche Wege der Konfliktlösung grundsätzlich aus. Die Aktivitäten terroristischer Organisationen in den letzten Jahrzehnten zeigen, dass sie den Kampf gegen die vermeintlichen Aggressoren – die USA, Israel, alle anderen westlichen Demokratien sowie aus ihrer Sicht „abtrünnige“ Regime in muslimischen Staaten – überall und jederzeit für geboten halten. Jihadisten vertreten die Auffassung, dass sich ein auf dem islamischen Recht in ihrer Auslegung beruhendes Staats- und Gesellschaftssystem nur mit Gewalt errichten lasse. Die Ideologen terroristischer Organisationen profitieren nicht von friedlichen Umwälzungen, wie sie ab Anfang 2011 von den damals als „Arabischer Frühling“ bezeichneten Bewegungen gefordert und teilweise auch realisiert wurden, sondern von Bürgerkrieg und Gewalt. Diese Position missachtet das Recht der Menschen in der islamischen Welt, ihre gesellschaftliche Verfasstheit – und damit auch ihren Weg zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit – selbst zu bestimmen.

„Baukasten-Jihadismus“

Das Internet stellt eine Vielzahl vermeintlich autorisierter Rechtsgutachten, Schriften, Predigtauszüge oder Erläuterungen zur Rechtfertigung des Terrorismus zur Verfügung, die in verschiedene Sprachen übersetzt und adressatenfreundlich aufbereitet sind. Als Folge ist die Entwicklung zu einem „copy-and-paste“-Jihadismus zu beobachten: Personen ohne oder mit nur geringen Arabischkenntnissen und ohne gefestigte religiöse Vorbildung können auf diese Weise leicht in die Gedankenwelt des Terrorismus eingeführt werden und sich ihren „eigenen“ Jihad zusammenstellen. Eine allgemeine Gewaltaffinität, ungezielte Aggressionen, individuelle Frustgefühle, psychische Traumata oder der Wunsch nach einer Gemeinschaft können auf diese Weise für terroristische Rekrutierungsaktivitäten gezielt genutzt werden. Jihadistische Propagandisten kalkulieren diese Potenziale sehr genau für ihre Zwecke. Ein drastisches Beispiel hierfür ist ein im Juli 2014 im Internet eingestellter Text von Silvio K., der sich in Syrien/Irak dem jihadistischen „Islamischen Staat“ (IS) angeschlossen hat. K. verknüpft Koranverse, Stationen seiner eigenen Biographie und explizite Tötungsphantasien.

Eigene „Märtyrer-Geschichte“

Islamistische terroristische Organisationen und Propagandisten verfügen mittlerweile über eine jahrzehntelange Gewaltgeschichte. Dementsprechend haben terroristische Organisationen ein jihadistisches heroisches Narrativ entwickelt, in dem „Märtyrer" der Bewegung oder Führer terroristischer Organisationen verehrt und als Vorbilder präsentiert werden, denen es nachzueifern gilt. Junge Menschen, die sich auf der Suche nach Sinn, Ordnung und Ziel ihres Lebens befinden, konvertieren auf diese Weise nicht – wie ihnen eingeredet wird – zum wahren Islam, sondern zum Terrorismus. In sozialen Netzwerken gebildete virtuelle Gemeinschaften tragen dazu bei, ihre Mitglieder auf diesem Irrweg zu bestärken, sie weiter in die Abschottung von ihrer Familie und ihren Freunden zu treiben und damit den Weg in die Gewalt zu unterstützen. Salafistische Netzwerke, die sich als abgeschottete Subkulturen ausprägen und die vermeintlich einzig richtige Islaminterpretation vertreten, bereiten den weltanschaulichen Boden und die sozialen Rahmenbedingungen für solche Radikalisierungskarrieren. Ihre Zahl in Deutschland wächst. Zwar lehnen Salafisten den Einsatz von Gewalt verbal ab. Zugleich ist aber festzustellen, dass fast alle Personen mit Deutschlandbezug, die sich dem globalen gewaltsamen Kampf angeschlossen haben, zuvor mit Trägern salafistischer Bestrebungen in Kontakt standen oder aus salafistischen Milieus hervorgingen.

Friedliches Zusammenleben statt Terrorismus und Ausgrenzung

Mit ihren Gewalttaten diskreditieren Terroristen die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger muslimischen Glaubens, die friedlich und rechtstreu in Deutschland ihr verfassungsgemäßes Recht auf freie Religionsausübung im Alltag leben oder sich hier – wie in anderen demokratischen Ländern – um politische und gesellschaftliche Anerkennung ihrer Religion im Rahmen eines zivilgesellschaftlichen Engagements bemühen. Als demokratischer Rechtsstaat tritt Deutschland für das zentrale Anliegen eines friedlichen Zusammenlebens aller Menschen ungeachtet ihrer Herkunft oder Religion ein.

Jihadismus und Terrorismus diskreditieren den Islam. Sie bezeichnen Theorie und Praxis einer reinen Gewaltstrategie, die eine Religion für ihre Zwecke missbraucht und junge Menschen für Mord und Selbstmord rekrutiert. Terrorismus und terroristische Ideologie werden mit allen rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft. Die eindeutige Ächtung des Terrorismus durch Muslime und Nichtmuslime trägt zudem dazu bei, die Ausbreitung von Islamfeindlichkeit zu verhindern, von der rechtsextremistische/rechtspopulistische Bestrebungen in Deutschland profitieren wollen.

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