Lichtstreifen vor blauem Hintergrund zur Illustration der Rubrik „Schlaglicht"

Auswirkungen des Terroranschlags in Christchurch (Neuseeland) auf die deutsche rechtsextremistische Szene

Titelbild des „Manifests“ des Attentäters, Titel: „The Great Replacement – Towards a new society – We march ever forwards“VergrößernTitelbild des „Manifests“ des Attentäters, Titel: „The Great Replacement – Towards a new society – We march ever forwards“

Am 15. März 2019 hat der australische Staatsangehörige Brenton Tarrant bei einem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland) 50 Menschen erschossen und Dutzende Personen zum Teil schwer verletzt. Bei den Opfern handelt es sich um muslimische Gläubige jeden Alters, die zum Zeitpunkt der Tat das Freitagsgebet besuchten. Aufgrund der Gegenwehr eines Moscheebesuchers ergriff der Attentäter die Flucht und wurde schließlich von Einsatzkräften der Polizei gestellt.

Das Gesamtbild der Begleitumstände des Attentats – die Ankündigung der Tat im Internet, die direkte Ansprache eines Online-Publikums unmittelbar vor der Tat, der Aufruf zur sofortigen Verbreitung des „Manifests“, die Übertragung der Tatbegehung in Echtzeit über einen Video-Livestream und schließlich die Inszenierung der Tat im Stile eines Egoshooter-Computerspiels – vermittelt den Charakter eines virtuellen Ereignisses und steht damit im krassen Gegensatz zur brutalen Tötung wehrloser Menschen.

Die Intention seiner Taten offenbarte der Attentäter in einem 74-seitigen „Manifest“ mit dem Titel „The Great Replacement – Towards a new society – We march ever forwards“, welches er unmittelbar vor der Tat an die neuseeländische Premierministerin, weitere Politiker und diverse Medienhäuser versandte. Außerdem veröffentlichte er es über ein anonymes Internetforum und rief dort zu dessen weiterer Verbreitung auf. In seinem „Manifest“ konstatiert Tarrant, dass die Geburtenraten der europäischen Völker zu niedrig seien, um deren Fortbestehen zu sichern. Beschleunigt werde diese Entwicklung durch Masseneinwanderung und höhere Geburtenraten von Migranten. Daraus resultiere langfristig, so Tarrant, ein „ethnischer“, „kultureller“ und „rassischer“ „Austausch“, der einem „weißen Genozid“ gleichkomme. Gegen diesen gelte es sich allen Widrigkeiten zum Trotz zu stemmen, da es sich „nicht nur um eine Frage des Wohlstands, sondern des Überlebens unseres Volkes“ handele.

Auch deutsche Rechtsextremisten reagierten auf die Tat und kommentierten sie unterschiedlich. Nach bisherigen Erkenntnissen fallen die Reaktionen der rechtsextremistischen Szene in Deutschland überwiegend verhalten und distanziert aus: Die Tat wird aufgrund ihres Charakters, des Vorgehens und der erwarteten Wirkung abgelehnt. Die Partei „Der III. Weg“ bezeichnete die Tat auf ihrer Website als „ethisch verwerflich und politisch dumm“. Der stellvertretende NPD-Bundesvorsitzende erklärte, der Anschlag sei, wie jeder andere Terrorakt auch, zu verurteilen.

Gleichwohl konstatieren einige Rechtsextremisten, die sich zur Tat äußerten, dass diese Gewalt nur eine „logische Konsequenz der politischen Entwicklungen der letzten Jahre in vielen westlichen Staaten“ sei. „Der III. Weg“ erklärte in seiner Stellungnahme, der „Irrweg der islamischen Masseneinwanderung“ habe zu „Terroranschläge[n] islamischer Gruppen“ in Europa, zu „Vergewaltigungsepidemien wie in (…) Köln und zahlreichen anderen Städten [und zu] Mord und Messerangriffe[n] auf den Straßen“ geführt. Weiter heißt es dort:

„Für den Traum der Globalisten von einer grenzenlosen Welt zahlen die Völker einen blutigen Preis – und nur ein Narr kann glauben, dass es in diesem Vorbürgerkrieg nur eine Kriegspartei gibt.
Es grenzt fast an ein Wunder, dass die islamische Herausforderung bislang so wenig Gegenschläge provozieren konnte. (…) Solange die Islamisierung der weißen Welt durch Einwanderung vorangetrieben wird – und die Kaste der Globalisten davon freiwilligt nicht abrücken wird, solange wird auch die Saat der Gewalt weiter gedeihen. An den islamischen Terror haben wir uns gewöhnen müssen – an die Gegenschläge werden wir es auch.“

Andere Rechtsextremisten versuchen, die Tat zu relativieren oder entwerfen Verschwörungstheorien. Ein führender Thüringer Neonazi argumentierte beispielsweise, dass es sich bei der Tat von Christchurch um ein im Verhältnis zu islamistischen Terroranschlägen zu vernachlässigendes, unbedeutendes Ereignis handele. Andere rechtsextremistische Internetnutzer spekulierten über eine Taturheberschaft von US-amerikanischen oder israelischen Geheimdiensten und beziehen sich damit auf bekannte antisemitische Verschwörungstheorien, wonach Juden vermeintlich über die konspirativen Aktivitäten dieser Sicherheitsbehörden Bevölkerungsgruppen (weiter) gegeneinander aufhetzen würden, um einfacher über die Welt herrschen zu können.

Der Terroranschlag in Christchurch stellt in seiner Dimension und Brutalität keineswegs ein historisch singuläres Ereignis im Rechtsterrorismus dar. Als Fälle mit ähnlicher Vorgehensweise können hier die Anschläge des norwegischen Rechtsterroristen Anders Behring Breivik im Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya mit 77 Toten oder der Anschlag von Alexandre Bissonnette auf eine Moschee im kanadischen Quebec im Jahr 2017 mit 6 Toten angeführt werden. Auf beide bezieht sich Tarrant in seinem „Manifest“ explizit.

Im Unterschied zu bisherigen rechtsterroristischen Taten sticht bei Tarrants Anschlag jedoch insbesondere der Modus Operandi heraus, der in der bewussten Einbeziehung von Internetnutzern in die „Echtzeit“-Begleitung der Tat sowie in der Inszenierung des Geschehens im Stile eines Egoshooter-Computerspiels bestand. Ideologisch ist Tarrant in seiner Selbstdarstellung nur schwer zu kategorisieren. Er bedient sich einer Reihe unterschiedlichster ideologischer Versatzstücke, die zusammengenommen nicht ohne Weiteres als geschlossenes Weltbild gedeutet werden können. Zweifellos handelt es sich jedoch beim Autor des „Manifests“ um einen rechtsextremistischen Aktivisten, der sein Handeln als Reaktion auf einen behaupteten „Bevölkerungsaustausch“ darstellt. Dass sich Tarrant mit diesem auch in Europa verbreiteten Narrativ rechtfertigt, zeigt deutlich, dass rechtsextremistische Ideologieelemente insbesondere durch das Internet global rezipiert werden und offensichtlich weltweit Wirkung entfalten können.

Auch wenn deutsche Rechtsextremisten sich in öffentlichen Verlautbarungen überwiegend von der Tat distanzieren, ist nicht auszuschließen, dass rechtsextremistisch motivierte Einzeltäter oder Tätergruppen die Tat von Christchurch als Vorbild heranziehen könnten. Diesbezüglich sind derzeit in Deutschland jedoch keine Hinweise auf aktuelle und konkrete Gefährdungsmomente durch derartige rechtsterroristische Bestrebungen erkennbar.

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