Lichtstreifen vor blauem Hintergrund zur Illustration der Rubrik „Schlaglicht"

Jihadistische Sozialisation – Was passiert in jihadistischen Familien in Deutschland?

Titelbild zum Schlaglicht Nr. 6/2018: „Jihadistische Sozialisation – Was passiert in jihadistischen Familien in Deutschland?“

Innerhalb und im sozialen Umfeld von jihadistischen Familien kommen Minderjährige im Alltag auf vielfältige Weise in Kontakt mit jihadistischen Wertvorstellungen. Die Minderjährigen verinnerlichen so ein jihadistisches Welt- und Wertebild und zeigen teilweise bereits früh auffälliges Verhalten. Eine Sensibilisierung des nicht jihadistischen sozialen Umfelds für Verhaltens­auffälligkeiten im Kontext der jihadistischen Sozialisation ist somit ausgesprochen wichtig für die Bereiche Deradikalisierung und Prävention.

Der vorliegende Text bezieht sich auf Familien in Deutschland, die zu keinem Zeitpunkt komplett Richtung Syrien/Irak ausgereist sind oder waren (Vgl. hierzu Schlaglicht Nr. 4/2018 „Neue Jihad-Generation? Dynamiken in der jihadistischen Sozialisation in Deutschland“) und das Gros der Familie sich kontinuierlich in Deutschland aufgehalten hat. Das Personenpotenzial solcher jihadistischen Familien umfasst mindestens eine niedrige dreistellige Zahl von Familien mit mindestens einer mittleren dreistelligen Zahl an Minderjährigen und jungen Erwachsenen (Stand: Juni 2018). Zu den Minderjährigen und jungen Erwachsenen zählen alle Altersgruppen bis 25 Jahre. Das Gros der Minderjährigen, bei denen das Alter bekannt ist, ist jünger als acht Jahre. Darum werden die von außen erkennbaren Auswirkungen einer jihadistischen Sozialisation wahrscheinlich erst in einigen Jahren offensichtlich werden. Es ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl von Minderjährigen höher ist, da diesbezügliche Informationen lediglich als Randerkenntnisse anfallen und nicht explizit erhoben werden. Weiter zeigt sich, dass ein Teil der Minderjährigen und jungen Erwachsenen selbst bei den Sicherheits­behörden auffällig geworden ist.

Was passiert in den Familien und dem sozialen Umfeld?

Beide Elternteile können einen großen Einfluss auf die Entwicklung, Identität und das Weltbild der Minderjährigen nehmen. Männer beziehungsweise Väter zeichnen sich hierbei oft durch äußerst strenge Religiosität aus. Frauen beziehungsweise Mütter spielen – zumal im islamistischen Milieu – eine nicht zu unterschätzende Rolle im Rahmen der Erziehung und der Sozialisation der Minderjährigen. Die Sicherheits­behörden gehen davon aus, dass Frauen beziehungsweise Mütter in jihadistischen Familienverbünden eine jihadistische Sozialisation der Minderjährigen zumindest passiv tolerieren, oft aber auch aktiv verstärken.

Minderjährigen werden im Alltag jihadistischer Familienverbünde bereits recht früh und über verschiedene Medien jihadistische Wertvorstellungen vermittelt. Dies geschieht beispielsweise durch Lern-Apps, Lehrbücher und Kinderserien, die gewalt- und kriegsverherrlichend sind. Für Eltern gibt es Ratgeber für eine richtige Erziehung im Geist der jihadistischen Ideologie. Diese Beispiele zeigen, dass die Minderjährigen auf spielerische Weise in ihrem gesamten Alltag von jihadistischen Wertvorstellungen und Weltansichten umgeben sind.

Die familiär begründete und betriebene Beförderung eines jihadistischen Weltbilds kann durch die sekundäre Sozialisation, also der Sozialisation die nicht durch den engsten Familienkreis erfolgt, weiter verstärkt werden. Insbesondere (einschlägige) Moscheen und Vereine fallen in diesem Bereich auf. Diese offerieren ein breites und auf unterschiedliche Altersgruppen abgestimmtes Angebot für die ganze Familie.

Durch Angebote, die sich insbesondere an Kleinkinder richten, können jihadistisch geprägte Einrichtungen die Wertvorstellungen und das Weltbild der Kleinkinder zusätzlich prägen. Der Nachwuchs wird dabei altersgemäß aktiv in Veranstaltungen eingebunden, beispielsweise durch kleine Vorträge. Im Rahmen dieser Vorträge erhalten die Minderjährigen eine positive Verstärkung durch die Erwachsenen und verinnerlichen somit stärker deren Aussagen und Wertvorstellungen. Die Angebote für Aktivitäten werden mit zunehmendem Alter der Minderjährigen komplexer und manifester. Angefangen bei den oben erwähnten kleinen Vorträgen bis hin zum aktiven Sich-Einbringen in „Community“-Aktionen. Dies alles kann zu einem gesteigerten „Commitment“ der Minderjährigen für die Wertvorstellungen und Ideale des jihadistischen Weltbilds sowie der einschlägigen Gemeinschaft führen.

Sowohl die Angebote als auch die Nachfrage scheinen besonders im Bereich der Betreuung von Kleinkindern und im Unterricht von Minderjährigen zu liegen. Dies kann auf das junge Alter von vielen Minderjährigen in jihadistischen Familienverbünden zurückgeführt werden. Weitere Beispiele für sekundäre Sozialisation, die zur Festigung jihadistischer Ideologie genutzt werden, sind soziale Treffen wie Grillfeste, Ausflüge oder Ähnliches.

Mögliche Indikatoren für eine jihadistische Sozialisation

Innerhalb von Familien können als härtere Indikatoren für eine jihadistische Sozialisation zwei sich sprachlich manifestierende Aspekte genannt werden. Einerseits eine jihadistisch geprägte Namensgebung der Minderjährigen (zum Beispiel „Jihad“ oder Namen, die einen Bezug zum „Islamischen Staat“ (IS) oder Führungspersonen des IS besitzen); sowohl bezogen auf den offiziellen Vornamen als auch auf den Spitznamen. Zum anderen eine sprachliche Abgrenzung zwischen der allgemeinen Gesellschaft („Out-Group“) und dem jihadistisch/​salafistisch geprägten Milieu („In-Group“). Die Namensgebung der Minderjährigen kann eindeutige Beziehungen der Eltern zum jihadistischen Welt- und Wertebild aufzeigen und bringt die Erwartungen der Eltern an ihr Kind zum Ausdruck. Die allgemeine sprachliche Abgrenzung zwischen „In-“ und „Out-Group“ bringt eine Degradierung anderer, nicht jihadistischer Menschen sowie allgemeingesellschaftlicher Institutionen zum Ausdruck. Beispielhaft kann hier die offene, bewusste Missachtung von Regeln in der Schule oder dem Staat als Ganzem genannt werden. Lehrerinnen werden nicht ernst genommen, Anwesenheit in der Schule spielt eine untergeordnete Rolle. Aber auch der Vater, der zwischen der „Kuffar“-Schule (arabisch für „Ungläubige“ oder „Gottlose“) und der „normalen“ Schule unterscheidet, ist ein Beispiel für die sprachliche Abgrenzung der zwei Gruppen. Mit „normaler“ Schule meint dieser Vater wahrscheinlich eine Einrichtung in der zugehörigen einschlägigen Moschee.

Eine als normal angesehene Verhöhnung des hiesigen gesellschaftlichen Systems kann somit zur Basis der Weltanschauung werden. Es ist nicht klar, inwiefern die Minderjährigen mit fortschreitendem Alter in der Lage sein werden, dieses jihadistische Weltbild zu reflektieren oder gar zu hinterfragen. Sobald die Minderjährigen ein sprachfähiges Alter erreicht haben, können Ausrufe, Aussagen und Forderungen, die einen klaren jihadistischen Bezug aufweisen, sehr wichtige konkrete Indikatoren sein. Beispiele hierfür kann die Nutzung von Ausdrücken wie „Kuffar“ oder der Ausruf „Allahu Akbar“ sein. Dieser Ausruf (arabisch für „Gott ist groß“) weist für sich genommen jedoch keinen Extremismusbezug auf. Er kann aber insbesondere bei Minderjährigen im Kontext einer Radikalisierung als ein Symptom auffälligen Verhaltens gewertet werden. Ebenso können Gewaltandrohungen mit Bezügen zum IS oder allgemeine IS- oder Jihad-Bezüge im Spiel mit anderen Minderjährigen konkrete Indikatoren für einen jihadistischen Bezug sein. Gerade sehr junge Minderjährige besitzen jedoch in der Regel noch nicht das nötige Reflexionsvermögen, um eigene Aussagen nach gesellschaftlich akzeptierten Kriterien zu filtern. Es gilt, je jünger der Minderjährige ist, der die auffallenden Aussagen tätigt, umso ungefilterter transportiert er mittels Sprache und Verhalten die Weltsicht der Eltern und des Umfelds.

Ein besonders auffälliges und aggressives Verhalten von Minderjährigen, das mit zunehmendem Alter komplexer, vielschichtiger und entschiedener wird, kann ein weiterer wichtiger Indikator sein. Allerdings sollte das Verhalten der Minderjährigen immer im Gesamtkontext betrachtet werden. Auffälliges, aggressives Verhalten allein ist kein Indikator für eine jihadistische Sozialisation. Ein expliziter Bezug zum Jihadismus ist zwingend notwendig. Gewaltanwendungen von Minderjährigen gegenüber anderen lassen sich mitunter bereits kurz vor der Einschulung mit Beispielen belegen. So kann es vorkommen, dass sie mit Spielzeugwaffen auf „Kuffar“ schießen oder ein ausgeprägt aggressives Verhalten zeigen.

Anzeichen für eine jihadistische Sozialisation können sich auch nach der Einschulung zeigen. Hierbei können Fehlzeiten beziehungsweise das Fernbleiben vom Sport­unterricht oder anderen schulischen Veranstaltungen Hinweise sein. Mitunter geben auch Begründungen für die Nichtteilnahme an solchen Aktivitäten Aufschluss darüber.

Eine weitere Erklärung für die auffällige verbale und teilweise nonverbale Gewaltaffinität von Minderjährigen in jihadistischen Familien könnte außerdem die Situation selbst sein, in der sich Minderjährige dort befinden. Sofern diese hauptsächlich Kontakt mit Personen aus dem jihadistischen Spektrum haben, sollte ein Schuleintritt für sie einer Art Kulturschock gleichkommen. Spätestens hier kommen sie mit Menschen in Kontakt, die im jihadistischen Kontext als „der Feind“ bezeichnet und behandelt werden. Somit finden sich Minderjährige in ihrem Alltag spätestens ab Schulbeginn zwischen zwei Welten wieder, die sich gegenseitig negieren und müssen für sich einen Umgang damit finden. Dies kann zu verschiedenen Verhaltensweisen führen. Von Aggression, um den eigenen Standpunkt im eigenen Weltbild zu festigen, bis hin zu Überforderung im Austaxieren der Einflüsse beider Weltbilder, die zu Rückzug oder wiederum zu Aggression führen kann. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sich dies bei allen auffälligen Minderjährigen in diese Richtung entwickeln muss.

Verbindung zwischen jihadistischer Sozialisation und Radikalisierung

Die generelle Grundlage für die Ausübung jeglicher Gewalt ist die Legitimierung dieser Gewalt. Das Individuum kann Gewalt auf diese Weise ausführen, sich aber gleichzeitig weiterhin als ethisch „richtig“ handelnd wahrnehmen. Diese Legitimierung beinhaltet ein Welt- und Wertebild, das die Gewalthandlungen in einen Kontext stellt, der diese vertretbar macht, legitimiert und letztlich auf eine gewisse Art einfordert. Die Aneignung dieses Weltbilds findet am Beginn eines Radikalisierungsprozesses statt und bildet die Basis für die später mögliche Gewaltanwendung. Durch die jihadistische Sozialisation erlernen und verinnerlichen die Minderjährigen ein jihadistisches Weltbild, das die Legitimation von Gewalt gegen Andersgläubige als immanenten Bestandteil hat. Die Minderjährigen leben in diesem Weltbild. Der Unterschied zur klassischen Radikalisierung ist, dass Erwachsene, die sich radikalisieren, sich dieses Weltbild im Radikalisierungsprozess erst selbst aktiv aneignen. Bei Minderjährigen hingegen wird es passiv im Alltag verstärkt und anerzogen. Radikalisierte Erwachsene haben also auch ein anderes Weltbild und andere Werte gelebt und kennengelernt. Minderjährige aus jihadistischen Familien hingegen kommen frühestens im Kindergarten und spätestens bei der Einschulung in Kontakt mit dem hiesigen Weltbild und Wertekanon. Sie werden somit von Geburt an mit einem extremistischen Weltbild erzogen, welches Gewalt an anderen legitimiert und alle nicht zur eigenen Gruppe Gehörigen herabsetzt.

Wie genau das Verhältnis zwischen jihadistischer Sozialisation und der „klassischen“ Radikalisierung ist, kann zurzeit noch nicht abschließend beurteilt werden. Dennoch zeigt sich, dass ähnliche psychologische Mechanismen bedient werden und dass es erste Indikatoren für eine mögliche, schnellere, frühere und wahrscheinlichere Radikalisierung von Minderjährigen und jungen Erwachsenen aus jihadistischen Familienverbünden gibt. Jihadistische Sozialisation und „klassische“ Radikalisierung sind Wege, die von unterschiedlichen Personengruppen beschritten werden. Beide Wege können jedoch zur Legitimierung und Ausübung terroristischer Gewalt führen.

Bewertung

Angesichts der Zahl der Minderjährigen und jungen Erwachsenen, die in Deutschland in jihadistischen Familienverbünden leben und aufwachsen, birgt die jihadistische Sozialisation ein nicht unerhebliches Gefährdungspotenzial. Ob und wie sich dieses Potenzial gegenüber der nicht jihadistischen Umwelt manifestiert, kann aufgrund des überwiegend noch sehr jungen Alters der betroffenen Minderjährigen derzeit noch nicht abgeschätzt werden. Festgestellt werden kann jedoch, dass dieses mittel- bis langfristige Phänomen eine kontinuierliche Bearbeitung nicht nur durch die Verfassungsschutzbehörden notwendig macht. Um möglichst früh eingreifen und Schäden – sowohl von den Minderjährigen als auch von der Gesellschaft – abwenden zu können, müssen Sicherheits- und Nicht-Sicherheits­behörden sowie zivil­gesellschaftliche Träger informiert und sensibilisiert werden. Dies gilt unter anderem für Schulen, Jugendämter oder Sport­vereine. Hierfür ist es zwingend erforderlich, dass die Informationen über Indikatoren für eine jihadistische Sozialisation in verschiedene zivilgesellschaftliche und staatliche Institutionen getragen werden, um etwaige Gefahren frühzeitig zu erkennen. Bei einer hinreichenden Sensibilisierung des Umfelds steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen über Auffälligkeiten frühzeitig an die zuständigen Stellen wie beispielsweise die Landes­koordinierungs­stellen für Islamismus­prävention weitergegeben werden können.

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