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Neue Jihad-Generation? Dynamiken in der jihadistischen Sozialisation in Deutschland

Titelbild zum Schlaglicht Nr. 4/2018: „Neue Jihad-Generation? Dynamiken in der jihadistischen Sozialisation in Deutschland“VergrößernQuelle: www.twitter.com

Im April 2018 wurden zwei deutsche Frauen mit insgesamt drei Kleinkindern aus Erbil (Irak) in Begleitung von Vertretern deutscher Sicherheitsbehörden nach Deutschland gebracht. In der Vergangenheit reisten – auch im Rahmen solcher geplanten Rückführungen – mehrfach weibliche deutsche Staatsangehörige nach Deutschland ein, bei denen es sich um mutmaßliche Mitglieder der terroristischen Organisation „Islamischer Staat“ (IS) in Syrien und im Irak handelt. Das lenkt den Blick auf einen bislang wenig beachteten Risikobereich, die (früh-)kindliche jihadistische Sozialisation durch ein jihadistisch geprägtes soziales Umfeld.

Hintergrund

Eine jihadistische Sozialisation findet zurzeit sowohl in Familien in Deutschland als auch in Familien, die in die Kampfgebiete in Syrien und im Irak ausgereist sind, statt. Die hiergebliebenen und die zurückgekehrten beziehungsweise noch zurückkehrenden Familien können innerhalb des jihadistischen Spektrums in Deutschland neue negative Dynamiken bewirken, die sich wiederum auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen auswirken können. Eine mögliche Folge dieser Dynamiken kann eine wachsende Zahl radikalisierter Minderjähriger in den nächsten Jahren sein.

Für die Sozialisation sind die ersten Lebensjahre bedeutsam, da während dieser Zeit die Grundlage für das Weltbild und die Identität gelegt wird. Durch Bezugspersonen und das gesamte Umfeld wird jedem Minderjährigen ein Wertekanon vorgelebt, der die Persönlichkeitsfindung und die Umgangsnormen beeinflusst und sein gesamtes Denken, Fühlen, Erleben und Handeln formt. Auch für die jihadistische Sozialisation spielen diese Aspekte eine erhebliche Rolle und können in ihrer Folge einen Radikalisierungsprozess auslösen.

Beide Phänomene, die jihadistische Sozialisation sowie die Radikalisierung, adressieren dieselben psychologischen Mechanismen, unter anderem die Identität, das Weltbild, Normen und Werte, die das gesamte Denken, Fühlen und Handeln und Erleben der Minderjährigen in eine bestimmte Richtung formen. Deshalb kann eine jihadistische Sozialisation in sehr jungen Jahren als ein Grundstein und Risikofaktor für eine spätere Radikalisierung angesehen werden.

Generell werden zwei Bezugsrahmen der Sozialisation unterschieden:

  • die primäre Sozialisation durch die Familie und nicht familiäre Bezugspersonen, beispielsweise Bekannte, Freunde der Familie et cetera, sowie

  • die sekundäre Sozialisation, gemeint ist die Sozialisation durch Personen, die bestimmten Einrichtungen angehören, wie beispielsweise Kindergärtner/-innen, Imame, Sporttrainer/-innen, Tagesväter/-mütter.

In Zusammenhang mit dem ersten Bezugsrahmen sind wiederum drei Familiengruppen relevant, denen eine Schlüsselrolle im Rahmen der (jihadistischen) Sozialisation zukommt:

  1. Potenzielle Rückkehrer: Familien, die sich zurzeit in den Kampfgebieten in Syrien und im Irak aufhalten und gegebenenfalls planen, nach Deutschland zurückzukommen.

  2. Bereits Zurückgekehrte: Familien, die aus den Kampfgebieten nach Deutschland zurückgekehrt sind.

  3. Hiergebliebene: Familien, die nie komplett in die Kampfgebiete ausgereist, aber Teile eines jihadistischen orientierten Netzwerkes sind.

Bei Familien in den Kampfgebieten (Gruppe 1) ist durch das einseitig (IS-)geprägte Umfeld von einer erheblichen jihadistisch-ideologischen Indoktrination auszugehen, da alle Kontaktpersonen und Institutionen dem IS zugehörig sind. Damit wird das extremistische IS-Weltbild und der IS-„Wertekanon“ durch Modelllernen und positive Motivationsverstärker an die Kinder weitergegeben. Dies führt dazu, dass die Minderjährigen ein jihadistisches Weltbild verinnerlichen und dieses als „normal“ übernehmen. Inwiefern sie es später hinterfragen beziehungsweise reflektieren können, ist schwer abzuschätzen. Allerdings wird eine Auseinandersetzung mit dem eigenen jihadistisch geprägten Weltbild kaum ohne professionelle Unterstützung möglich sein.

Haben sich zurückgekehrte Familien (Gruppe 2) nicht von der jihadistischen (IS-)Ideologie gelöst, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie sich weiterhin in einem extremistisch geprägten Umfeld bewegen. Für die Kinder und Jugendlichen bedeutet dies, dass sie sich auch weiterhin in einem Umfeld befinden werden, das jihadistische Werte, Normen und ein Weltbild fördert, wenn auch möglicherweise nicht ganz so extrem wie in den Kampfgebieten. Je weniger Kontakt die Kinder in Deutschland mit Personen und Einrichtungen außerhalb des jihadistischen Spektrums haben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihr jihadistisches Weltbild verfestigen kann. Auch wenn die hier beschriebenen Einflussfaktoren auf die (früh-)kindliche Sozialisation wenig Raum für die Entwicklung der freien Meinungsbildung lassen, ist nicht automatisch von einer späteren Radikalisierung auszugehen.

Nicht ausgereiste Familien (Gruppe 3) können in Deutschland Teil von Netzwerken sein, in denen, unabhängig von der IS-Ideologie und den Erfahrungen in den Kampfgebieten, eine jihadistische Sozialisation stattfindet. Die Ausprägung und Auslebung der jihadistischen Werte unterliegt einem Zusammenspiel individueller Einflussfaktoren, bietet aber für Kinder und Jugendliche durchaus ein Umfeld, das eine Radikalisierung auslösen kann.

Die betroffenen Kinder aller drei Gruppen erleben zwar bereits eine jihadistische Sozialisation, allerdings werden sie erst in einigen Jahren Handlungskompetenzen und Möglichkeiten entwickeln, die zu einem möglichen Radikalisierungsprozess führen können. Aus diesem Grund können die Folgen der aktuellen jihadistischen Sozialisation erst mittel- bis langfristig gesellschaftlich sichtbar werden.

Mögliche neue Dynamiken durch Rückkehrer aus Kampfgebieten

Durch die Integration der Rückkehrerfamilien in die deutschen jihadistischen Netzwerke können neue Dynamiken auslöst werden. Da Rückkehrer bereits zwei Mal ihr gesamtes Leben und ihre Perspektiven aufgegeben haben, um auszureisen beziehungsweise zurückzukehren, ist davon auszugehen, dass zumindest ein Teil der Rückkehrer eine „Jetzt erst recht“-Mentalität bezüglich der jihadistischen Werte entwickelt. Dies kann aus der Motivation heraus geschehen, dass diese Personen sich selbst zeigen wollen oder müssen, dass sie trotz ihrer Rückkehr immer noch überzeugte Jihadisten sind. Somit kann es auch dazu kommen, dass ein Teil dieser Personen noch extremer in ihren Einstellungen und Werten wird. Diese Einstellungen wiederum können von den Rückkehrern an nicht ausgereiste Personen, insbesondere an Kinder, weitergegeben werden. Das kann unter Umständen zu einer schnelleren und intensiveren Radikalisierung von Minderjährigen, einzelnen Erwachsenen oder auch ganzen Gruppen auf verschiedenen Ebenen führen.

Im Folgenden werden in Bezug auf die einzelnen Gruppen mögliche Dynamiken beispielhaft dargestellt:

Rückkehrer (Eltern und Kinder):

  • Weitere Verstärkung des ideologisierten extremistischen Weltbildes („Jetzt erst recht“-Mentalität)

  • Rückkehrer können von Nichtausgereisten als Kampferfahrene und Vorbilder wahrgenommen werden und so eine Schlüsselrolle erhalten.

  • Durch eine derartige Schlüsselrolle könnten Rückkehrer leichter in verantwortliche oder relevante Positionen in Einrichtungen gelangen und in Netzwerken zügig an Einfluss gewinnen (zum Beispiel durch die Erteilung von Islamunterricht oder in der Kinderbetreuung).

  • Rückkehrer können als Radikalisierer oder Rollenvorbild auftreten und Hiergebliebene durch Aussagen, Erfahrungen oder Taten inspirieren.

Hiergebliebene (Netzwerkebene):

  • Die Weltsicht jihadistisch orientierter Netzwerke in Deutschland passt sich der IS-Ideologie der Rückkehrer an; „moderate“ Stimmen könnten hingegen zunehmend verstummen.

  • Es könnte zu einem Wettstreit zwischen Rückkehrern und Hiergebliebenen kommen durch ein wechselseitiges Aufschaukeln (in Worten und/oder Taten) um den Anspruch, der „bessere Jihadist“ zu sein.

Hiergebliebene (individuelle Ebene):

  • Rückkehrer (Eltern und Kinder) können für hiergebliebene Eltern und Kinder ein Vorbild sein mit der Folge, dass das Radikalisierungspotenzial steigt.

  • Einzelne Individuen in den Netzwerken der Hiergebliebenen könnten das Bedürfnis entwickeln, mit den Zurückgekehrten „gleichzuziehen“ und sich deshalb schneller und umfassender radikalisieren.

Minderjährige (Rückkehrer und Hiergebliebene):

  • Hiergebliebene Kinder und Jugendliche könnten neugierig sein, wenn Gleichaltrige von ihren Erfahrungen in den Kampfgebieten berichten, was sowohl positiv als auch negativ aufgenommen werden kann. In Einzelfällen könnte ein Interesse an Waffen oder anderen Tatmitteln geweckt werden.

  • Erwachsene oder minderjährige Rückkehrer können auch als heldenhafte Vorbilder angesehen werden, denen man nacheifern sollte.

  • Es könnte zu einem „Wettbewerb“ unter Teenagern kommen, die durch das jihadistische Weltbild geprägt sind – beispielsweise durch „Mutproben“, die sich gegen die hiesige Gesellschaft richten könnten.

Bewertung

Es ist davon auszugehen, dass alle genannten möglichen Dynamiken in kombinierter, abgeschwächter oder verstärkter Form, parallel oder zeitlich versetzt an verschiedenen Orten stattfinden können. Gehaltvolle prognostische Aussagen, wie diese Prozesse letztlich ablaufen werden, können nicht getroffen werden. Die Entwicklung hängt weitgehend von den individuellen Konstellationen und der Entwicklung der Netzwerke ab; beispielsweise spielen gruppendynamische Prozesse, die Persönlichkeit einflussreicher Nichtausgereister, die Persönlichkeit der Rückkehrer oder situative Aspekte wie beispielsweise das Vereinsleben oder die lose Verbindung von Individuen eine Rolle in diesem Prozess. Dass sich die genannten Dynamiken verstärkend auf die jihadistische Sozialisation in Deutschland auswirken, ist allerdings wahrscheinlich.

Um den Folgen einer möglichen (früh-)kindlichen jihadistischen Sozialisation zu begegnen, sind nicht nur die Sicherheitsbehörden, sondern insbesondere Einrichtungen mit einem pädagogischen Auftrag gefordert.

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