Lichtstreifen vor blauem Hintergrund zur Illustration der Rubrik „Schlaglicht"

Vordergründig erfolgreiche Neonazi-Publikation zeigt un­frei­willig andauernde ideologische Schwächen der eigenen Szene auf

Titelbild der Neonazi-Publikation „N.S. HEUTE“, Nr. 6, November/Dezember 2017VergrößernTitelbild der Neonazi-Publikation „N.S. HEUTE“, Nr. 6, November/Dezember 2017

Rechtsextremisten versuchen mit sehr unterschiedlichen Publikationen und Diskussionsbeiträgen immer wieder strategische und ideologische Impulse sowie szeneinterne Diskussionen in Gang zu setzen. Im März 2017 erschien die erste von mittlerweile sechs Ausgaben der neuen Neonazi-Publikation „N.S. HEUTE“. Mit einer aus Sicht der Szene ansprechenden Mischung aus Beiträgen, Interviews und Unterhaltung verbreitet die Publikation mit einer relativ großen Reichweite – die Auflage beträgt aktuell 1.500 Exemplare – in moderner Form nationalsozialistische Ideologien, ohne jedoch in NS-Folklore zurückzufallen. Bemerkenswert ist der Schritt, entgegen dem allgemeinen Trend ein Printmedium zu veröffentlichen. Damit dürfte die Absicht der Herausgeber verbunden sein, der Publikation einen besonderen Stellen­wert zuzuweisen sowie damit gleichsam den darin enthaltenen Gedanken symbolisch eine dauerhaftere Form zu geben.

Allerdings zeigen die Inhalte des Heftes unfreiwillig und deutlich Widersprüche auf, in denen die deutsche Neonazi-Szene schon seit Jahren steckt: Innerhalb des Spektrums existiert keine einheitliche Auffassung über die inhaltliche Ausgestaltung der gemein­samen Weltanschauung. Zwischen Versuchen einer Adaption des NS-Gedankenguts an den Zeitgeist und dem Festhalten an der vermeintlichen „reinen Lehre“ sind sämtliche Positionen vertreten, was – neben zusätzlichen Spannungen auf zwischenmenschlicher Ebene – ein wesentlicher Grund für die andauernde Zersplitterung des neonazistischen Lagers ist. Die jeweils aus Versatzstücken der historischen NS-Weltanschauung und eigenen Auffassungen zusammengefügte Ideologie kann demzufolge keine die Szene in Gänze einigende Wirkung mehr entfalten. Darüber hinaus haben die – teilweise ins abstruse abgleitenden – politischen Auffassungen der Szene eine weitgehende gesellschaftliche Isolation zur Folge.

Die Aufspaltung der Szene wird beispielsweise in einem unter Pseudonym verfassten Beitrag selbst eingestanden, der in der Rubrik „Bewegung“ abgedruckt ist und der sich mit einer anzustrebenden Bildung einer „Nationalen Außerparlamentarischen Opposition“ befasst. Der Autor fordert darin, dass angesichts der derzeitigen „geradezu desaströs“ anmutenden gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Gesamtlage die unter­schiedlichen Akteure des „nationalen Lagers“ zunächst üben müssten, einander mit Toleranz zu begegnen. Anschließend gelte es, aus den „vom System vorgegebenen Strukturen“ auszubrechen, insbesondere aus dem Korsett des Parlamentarismus, wenn­gleich der Kampf um vor allem kommunale Mandate deswegen nicht völlig aufgegeben werden solle.

Zentrales Thema des aktuellen Heftes ist jedoch ein – ebenfalls unter der Rubrik „Bewegung“ erschienenes – Porträt des früheren Leiters der 1980 verbotenen „Wehrsportgruppe Hoffmann“, Karl-Heinz Hoffmann, anlässlich dessen 80. Geburtstags. In einem ausführlichen Interview äußert sich Hoffmann nicht nur zu seinen Aktivitäten im Zusammenhang mit der „Wehrsportgruppe Hoffmann“, sondern auch zu aktuellen Entwicklungen sowie seinen politischen Vorstellungen. So bekräftigt er seine Ablehnung der parlamentarischen Demokratie, die er in Form eines Mehrparteiensystems als „sehr schädlich“ bezeichnet, insofern die Bevölkerung in einem Zustand des ständigen Parteienstreites „permanent auseinanderdividiert“ und damit die „Volksgemeinschaft aufgelöst“ werde. Im Hinblick auf gesellschaftspolitische Aspekte spricht Hoffmann ferner davon, dass eine Kultur sich auch ohne staatliche Einflussnahme durchsetze, wenn sie „gut“ sei, und sie gehe ein, wenn sie „schlecht“ sei. Eine Kultur sei immer lebendig; wenn man aufhöre, fremde Einflüsse aufzunehmen, werde sie zum „Anachronismus“. Obwohl eine Aufnahme fremder Kulturen „ständig stattfinden“ müsse, könne es zu einem „Kulturschock“ kommen, wenn man den Zuwanderern nicht genügend Zeit lasse, sich zu „akkulturieren“. Die Frage, ob er damit eine Assimilation der Einwanderer fordert, lässt Hoffmann offen. Eine Regierung dürfe „nicht so viel verlangen“, seiner Meinung nach solle sie auch „viel weniger verbieten“.

In teilweise krassem inhaltlichen Gegensatz dazu steht ein Gastbeitrag des früheren Gebietsleiters Thüringen der im Juni aufgelösten rechtsextremistischen „Europäischen Aktion“ (EA), der in seinem in der Rubrik „Weltanschauung“ platzierten Beitrag „Ethnostaat und Reconquista“ für eine „staatliche Ordnungsmacht“ plädiert, die den „Bestand der weißen Rasse“ garantieren solle. Ein solcher „weiße[r] Ethnostaat“ müsse als Voraussetzung mitbringen, kein NATO- und EU-Staat zu sein, geschlossene Grenzen aufzuweisen, nicht den „Verderbnissen der Demokratur ausgesetzt “ zu sein und aus­schließlich von weißen Menschen bewohnt sein. Auf der „weltpolitische[n] Landkarte“ erfülle in Europa ein Land diese Bedingungen, nämlich das Weißrussland des Staats­präsidenten Alexander Lukaschenko. Der Gastautor entwirft ein im November 2018 spielendes Szenario, in dem eine Delegation europäischer Nationalisten nach dem Zerfall der EU und ethnischen Konflikten zwischen Einwanderern und Autochthonen in den westeuropäischen Ländern die weißrussische Hauptstadt Minsk auf der Suche nach einem geopolitischen Bündnispartner zur Bewahrung eines „weißen Europa“ bereist. In einem fiktiven Gespräch mit Lukaschenko beenden die Abgesandten ihre Bitte um dessen Unterstützung mit dem Appell an einen „Retter Europas, (…) Bewahrer des Abendlandes und der weißen Rasse“.

Trotz des vordergründigen Erfolgs, alle zwei Monate turnusmäßig ein gedrucktes Strategieorgan veröffentlichen zu können, belegen die publizierten Inhalte in „N.S. HEUTE“ gerade die Widersprüchlichkeit der kruden weltanschaulichen Konzepte, die innerhalb der Neonazi-Szene kursieren.

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