Lichtstreifen vor blauem Hintergrund zur Illustration der Rubrik „Schlaglicht"

Reaktionen von Islamisten und Rechtsextremisten auf den Anschlag in einem Regionalzug bei Würzburg am 18. Juli 2016

Fotomontage mit einem Bild des Attentäters (aus dem Bekennervideo) neben einem Bild des Berliner Doms mit der Aufschrift „BERLIN“VergrößernFotomontage mit einem Bild des Attentäters (aus dem Bekennervideo) neben einem Bild des Berliner Doms mit der Aufschrift „BERLIN“
(Quelle: Internet)

Nur wenige Tage nach dem Anschlag in Nizza erfolgte am späten Abend des 18. Juli 2016 ein islamistisch motivierter Anschlag in Deutschland. Der Täter, ein 17-jähriger Jugendlicher, der zum Zeitpunkt der Tat über eine Aufenthaltsgestattung verfügte und in seinem Asylverfahren erklärte, aus Afghanistan zu stammen, griff in der Regionalbahn zwischen Treuchtlingen und Würzburg mehrere andere Fahrgäste mit einer Axt und einem Messer an und verletzte dabei vier Personen schwer. Auf der Flucht verletzte er eine weitere Person. Schließlich wurde der Attentäter von Polizeikräften, die er zuvor aus nächster Nähe angegriffen hatte, durch Schusswaffengebrauch tödlich verletzt. Der Jugendliche war rund zwei Wochen vor der Tat von einer deutschen Pflegefamilie aufgenommen worden.

Der „Islamische Staat“ (IS) bekannte sich am Folgetag in einer Erklärung zu dem Anschlag. Das Attentat in der Nähe von Würzburg stellt damit den ersten Anschlag mit offizieller Bekennung seitens des IS in Deutschland dar. Wie bereits bei dem Anschlag in Nizza am 14. Juli 2016 wurden im Internet zahlreiche Reaktionen von Islamisten und Rechtsextremisten festgestellt (siehe Schlaglicht Nr. 7/2016).

Tatbekennung des IS

Meldung der IS nahestehenden Medienstelle „A’maq News Agency“ zum Anschlag in einem Regionalzug bei Würzburg am 18. Juli 2016VergrößernMeldung der IS nahestehenden Medienstelle „A’maq News Agency“ zum Anschlag in einem Regionalzug bei Würzburg am 18. Juli 2016

Die dem IS nahestehende Medienstelle „A’maq News Agency“ sowie der offizielle IS-Radiosender „al-Bayan“ verbreiteten Erklärungen zur Tat, die denen im Zusammenhang mit dem Anschlag in Nizza stark ähneln.

In der von der „A’maq News Agency“ auf ihrem Kanal beim Instant-Messaging-Dienst Telegram in arabischer, englischer, französischer und deutscher Sprache veröffentlichten Erklärung zu dem Angriff in der Nähe von Würzburg wird der Attentäter als „Kämpfer des Islamischen Staates“ bezeichnet. Er sei den Aufrufen des IS gefolgt, Bürger derjenigen Staaten anzugreifen, die der Koalition gegen den IS angehören. Ebenfalls am 19. Juli 2016 veröffentlichte „al-Bayan“ im Rahmen einer „Nachrichtensendung“ eine Audio-Bekennung ähnlich der oben genannten schriftlichen Erklärung. Die im Radio verlesene Erklärung schließt mit der Drohung: „So sollen sie erwarten, was ihnen Schaden zufügt.“

Am Nachmittag des 19. Juli 2016 veröffentlichte die „A’maq News Agency“ außerdem ein kurzes Abschiedsvideo des Attentäters (paschtusprachig mit arabischen Untertiteln). Einige Zeit später konnte das Video auch mit deutschen Untertiteln festgestellt werden. In dem circa zweiminütigen Video stellt sich der Attentäter als „Soldat des Kalifats“ vor, der vorhabe, einen Anschlag in Deutschland zu begehen. Er bekennt sich zum IS und rechtfertigt seine bevorstehende Tat mit der Tötung unschuldiger Zivilisten durch die Koalition westlicher Staaten in muslimischen Ländern und spricht Drohungen gegen Deutschland aus.

Reaktionen von Islamisten

Fotomontage zeigt das Bundeskanzleramt in Flammen sowie einen Panzer und einen Kämpfer, darüber der Text: „DEUTSCHLAND IST EIN SCHLACHTFELD“.
(Quelle: Internet)Fotomontage zeigt das Bundeskanzleramt in Flammen sowie einen Panzer und einen Kämpfer, darüber der Text: „DEUTSCHLAND IST EIN SCHLACHTFELD“
(Quelle: Internet)

Islamisten lobten den Anschlag im Internet. Ein User erklärte: „Unser Terror ist legitim. Unsere Angriffe werden nicht stoppen.“ Ein weiterer schrieb: „Gott ist Groß, Gott ist groß. Möge Gott ihn akzeptieren. Das ist nur der Anfang, Deutschland. Die Soldaten des Kalifats haben begonnen und sie werden mit der Erlaubnis von Gott nicht stoppen.“

Auf Twitter wurde der Hashtag „#Angriff_Würzburg“ (Übersetzung aus dem Arabischen) verbreitet. Auf einem Twitter-Kanal wurden im Zusammenhang mit dem Anschlag Drohungen gegen den Westen eingestellt. Es heißt unter anderem: „In euren Häusern und auf euren Straßen werden wir euch töten. Es wird keinen Zufluchtsort geben, ihr Kreuzanbeter.“
Eine Facebook-Nutzerin schrieb auf ihrem Account „Wir haben leider keine Kampfflugzeuge, aber eine Axt tut es auch #Würzburg.“

Auf verschiedenen Telegram-Kanälen wurden Fotomontagen veröffentlicht. Eine zeigt ein Foto des Attentäters (aus dem Bekennervideo) neben einem Foto des Berliner Doms mit der Aufschrift „BERLIN“. Zudem ist ein blutverschmiertes Messer zu sehen. Eine weitere Fotomontage zeigt das Bundeskanzleramt in Flammen sowie einen Panzer und einen Kämpfer. Ferner beinhaltet sie die Aufschrift: „DEUTSCHLAND IST EIN SCHLACHTFELD“. Diese Grafik war bereits im März im Zusammenhang mit den Anschlägen von Brüssel vom 22. März und dem Aufruf, Anschläge auch in Deutschland zu verüben, veröffentlicht worden.

Reaktionen von Rechtsextremisten

Der Anschlag in der Nähe von Würzburg erfährt in der rechtsextremistischen Szene breite Resonanz. Die hohe Emotionalisierung, die aus den Beiträgen im Internet spricht, ist vergleichbar mit den Reaktionen von Rechtsextremisten auf die Anschläge von Islamisten in Paris im November 2015 und die Vorfälle in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln. Eine Vielzahl von Reaktionen mit zum Teil äußerst aggressiven Aussagen ist auch auf Internetpräsenzen festzustellen, die einem nicht eindeutig extremistischen islam- und asylfeindlichen Spektrum zuzurechnen sind. Die Agitation entspricht dabei in ihren wesentlichen Argumentationslinien den bekannten Mustern der bisherigen Anti-Asyl-Agitation. So sehen nahezu alle Äußerungen aus den unterschiedlichen Spektren des Rechtsextremismus das aktuelle Ereignis in kausalem Zusammenhang mit den seit 2015 anhaltenden Migrationsbewegungen nach Deutschland. Die Schuld für diese Verhältnisse wird den verantwortlichen Politikern – in persona vor allem Bundeskanzlerin Merkel –, Flüchtlingsbefürwortern (den in verächtlichter Weise bezeichneten „Bahnhofsklatschern“) und den Medien zugewiesen. Die rechtsextremistische Partei „Der III. Weg“ erklärt beispielsweise:

„Asylflut, Überfremdung, Kriegstreiberei der westlichen Wertegemeinschaft und falsche Humanität sind Ursachen für solche islamistischen Anschläge auf deutschem Boden.“

Die Ursachen- und Verantwortungszuweisung geht einher mit Forderungen nach der Schließung der Grenzen und der großflächigen Ausweisung von Ausländern. Die tödlichen Schüsse der Polizei auf den 17-jährigen Täter werden ausdrücklich gebilligt. In Einzelfällen wird gar der Schusswaffeneinsatz gegen Asylbewerber propagiert.

Bewertung

Das Attentat in der Nähe von Würzburg stellt den ersten Anschlag mit offizieller Bekennung seitens des IS in Deutschland dar. Die Tat als solche verdeutlicht die anhaltend hohe Gefährdungslage in Deutschland durch den islamistischen Terrorismus.

Das veröffentlichte Tätervideo wird hier als klassisches „Abschiedsvideo“ bewertet. So verhielt es sich auch bei den Anschlägen in Lyon im Juni 2015 sowie in Magnanville (Frankreich) im Juni 2016. Die Täter hatten sich vor beziehungsweise während ihrer Tat per Video zum IS bekannt. Der Täter von Magnanville schwor in einem Video, das er kurz nach der Tötung des Polizisten und seiner Lebensgefährtin in deren Haus aufgenommen hatte, den Treueeid auf IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi. Das Video wurde dann mit dem Logo der „A’maq News Agency“ in einschlägigen jihadistischen Foren und in sozialen Netzwerken wie Twitter und Telegram veröffentlicht. Mit derartigen Videos sollen weitere Personen zur Nachahmung inspiriert werden. Die Tat in Würzburg selbst war vermutlich durch den IS und jihadistische Propaganda inspiriert.
Die zahlreichen Reaktionen von Islamisten im Internet, die den Anschlag begrüßen und den Attentäter verherrlichen, verstärken die Wirkung der Propaganda des IS.

Der rechtsextremistischen Szene dient die Attacke als erneute Bestätigung für die bisherige Anti-Asyl-Agitation. Insofern werden Rechtsextremisten versuchen, den Angriff politisch für sich zu nutzen. Jedoch besteht auch durch die hohe Emotionalisierung in der rechtsextremistischen Szene angesichts des Anschlags nach wie vor die Gefahr, dass insbesondere gewaltorientierte Rechtsextremisten durch derartige Vorfälle und die damit verbundene Diskussion weiter radikalisiert werden. So könnten Rechtsextremisten Resonanzstraftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte oder gar gegen einzelne Asylbewerber beziehungsweise gegen Unterstützer und Helfer verüben. Zudem ist nicht auszuschließen, dass Personen des politischen Lebens, die als verantwortlich für die Migrationsbewegung nach Deutschland und damit für islamistische Terrorakte angesehen werden, zum Ziel von rechtsextremistischen Gewalttaten werden.

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