Lichtstreifen vor blauem Hintergrund zur Illustration der Rubrik „Schlaglicht"

Psychologische Erklärungsansätze zum brutalen Vorgehen der Jihadisten in Syrien und im Irak

Bild aus dem IS-Onlinemagazin DABIQ Nr. 14 für das Schlaglicht Nr. 5/2016 „Psychologische Erklärungsansätze zum brutalen Vorgehen der Jihadisten in Syrien und im Irak“Vergrößern© DABIQ IS-Onlinemagazin DABIQ Nr. 14

Wie in vielen anderen Konflikten zuvor erzeugen Berichte und Bilder aus Syrien und Irak Entsetzen. Öffentliche Hinrichtungen, Köpfungen, Zurschaustellungen von (geschändeten) Leichnamen dokumentieren die Brutalität von Terrorgruppen in den Konfliktgebieten. Wie kommt es zu dieser Brutalisierung und ihrer Propagierung?

Es ist nicht möglich, das Verhalten der Akteure an einem Punkt in der Biografie der Personen oder an einem Persönlichkeitsmerkmal festzumachen. Es handelt sich um einen Prozess, der zur Zerstörung von Barrieren führt, die Tötungen von anderen Menschen hemmen.

Unterschiedlichste Faktoren kommen zusammen und spielen hierbei eine Rolle. Exemplarisch werden drei Einflussebenen – Gruppen- und Legitimierungsprozesse sowie individuelle Faktoren – als Erklärungsansätze für das Verhalten dargestellt.

Die Gruppe

Die Bedeutung von Gruppen und das Gefühl der Zugehörigkeit zu ihnen sind Faktoren, die bereits bei der Radikalisierung und Rekrutierung von Extremisten eine Rolle spielen. In Konflikten wie in Syrien und im Irak ist das Gewaltverhalten auch bedingt durch gruppenpsychologische Prozesse. Das Töten findet im „sozialen Kontext“ statt: Die Gewaltausübung wird insoweit durch die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe und die Abgrenzung zu anderen Gruppen begünstigt.

Menschen haben das Bedürfnis „dazuzugehören“. Sie wollen, dass die eigene Gruppe und sie selbst positiv bewertet werden. Die eigene Gruppe (Ingroup) ist von großer Bedeutung und hat identitätsstiftende Wirkung. Wenn die Gruppe nun für eine als bedeutend wahrgenommene Sache (Allah, islamischer Staat) kämpft, dann gewinnt auch der Einzelne an Bedeutung. Ferner wird durch den Kampf für eine gemeinsame Sache/gegen andere der Gruppenzusammenhalt verstärkt. Gegen andere Personen, die die eigene Lebensweise vorgeblich bedrohen, muss die Gruppe verteidigt werden.

Der Einzelne orientiert sich zudem am Verhalten der Mitglieder der eigenen Gruppe. Personen nutzen andere als Modell, um zu prüfen, welches Verhalten korrekt beziehungsweise angemessen ist. Da es in extremistischen Gruppen kaum Einflüsse von außen gibt, wird das Verhalten durch die Gruppe bestimmt und kontrolliert. Die Gruppe bewirkt gruppenkonformes Verhalten, in diesem Fall das Töten des Feindes. Zugleich kommt es aufgrund der Anonymität in einer Gruppe – man ist nur einer von vielen – zu einer Diffusion der Verantwortung. Die Auswirkungen des eigenen Verhaltens werden als weniger bedeutsam wahrgenommen.

Durch die eigene Gruppenzugehörigkeit wird die Abgrenzung zu anderen Gruppen (Outgroup) ermöglicht. Es kommt zu einer Abwertung der anderen Gruppe. Typisches Schwarz-Weiß-Denken ist eine Konsequenz: Wir vs. die Anderen. Ein Mitglied einer Outgroup wird nicht mehr als Individuum wahrgenommen (De-Individualisierung). Die Auffassung wird vertreten, dass alle anderen gleich sind. Dies ermöglicht die Entstehung einer Distanz zu den Mitgliedern der anderen Gruppe. Anonymität wird geschaffen, die einen emotionalen Rückzug ermöglicht. Ohne Empathie für die anderen zu empfinden, wird das Verletzen und Töten der Mitglieder der Outgroup erleichtert.

Die Abwertung der Mitglieder der Outgroup wird unter anderem verstärkt durch:

  • Kulturelle und ethnische Unterschiede: Die Outgroup wird als Feind oder Sündenbock wahrgenommen. Hierbei wird häufig auf traditionelle Gruppenunterschiede zurückgegriffen. Letztlich werden die Mitglieder der anderen Gruppe als kulturell niedere Lebensform aufgefasst und diffamiert. Dies wird unter anderem allein durch den Sprachgebrauch (Kuffar, Hunde, Schweine) sichtbar. Die Entmenschlichung der anderen spielt eine entscheidende Rolle bei der Anwendung von Gewalt.

  • Den Glauben an die eigene moralische Überlegenheit und an den Kampf für die gerechte Sache: Das Töten wird zum Akt der Gerechtigkeit (Verteidigung des Kalifats). Der Kampf ist legitime Selbstverteidigung.

  • Die Gesellschaftsformen: In Gemeinschaften mit „engen“ Wertvorstellungen, wie sie von salafistischen und jihadistischen Gruppen vertreten wird, ist der freie Austausch von Ideen unerwünscht. Das typische Schwarz-Weiß-Denken wird verstärkt.

Legitimation/Autoritäten

Gewalthandlungen werden zudem stark von Strukturen innerhalb der Gruppe beeinflusst. Neben den oben erwähnten Gruppeneffekten spielen auch Führungspersonen (Autoritäten) und die Legitimation der Gewalt durch die Strukturen eine Rolle. In vielen Fällen werden die Vorgaben von Führungspersonen umgesetzt, ohne diese groß zu hinterfragen. Beeinflussende Faktoren sind hierbei

  • die (physische) Nähe der „Autorität“,

  • der Expertenstatus, der dieser zugesprochen wird,

  • die Intensität, mit der ein Befehl zu töten vorgebracht wird und

  • die vermeintliche Legitimität der Führung und des Befehls.

Das Befolgen von Befehlen verlagert letztlich auch die Verantwortung für das eigene Handeln auf die Führungsebene.

Das brutale Vorgehen der Jihadisten wird nicht nur gebilligt, es ist vielmehr gewollt und angeordnet. In Syrien und im Irak ist die Gewalt organisiert und zielgerichtet.

Des Weiteren muss bedacht werden, dass die Anordnungen zur Gewaltausübung in den Augen der Adressaten einer wichtigen Sache dienen beziehungsweise dadurch gerechtfertigt werden kann. Gewalt wird vermeintlich gerechtfertigt durch den Koran. Per Treueeid der Gruppe, der Führung und vermeintlich Allah verpflichtet, übernimmt der Jihadist eine wichtige Rolle als Gotteskämpfer mit klaren Vorgaben und eigenen sozialen Normen. Das brutale Verhalten wird legitimiert und gerechtfertigt durch das Ziel, Gottes Willen umzusetzen, Gerechtigkeit zu schaffen beziehungsweise das Kalifat zu verteidigen.

Das Individuum

Psychische Störungen, die das Verhalten der Jihadisten in Syrien und im Irak möglicherweise bedingen könnten, spielen – wenn überhaupt – nur eine untergeordnete Rolle. Im Allgemeinen können sich psychisch auffällige Personen schlechter in Gruppen integrieren. Faktoren wie persönliche Erfahrungen (Gewalt in der Familie), Emotionen (Gefühl der Viktimisierung, Frustration, Angst), Einstellungen (Gewalt als angemessenes Mittel) und individuelle Motive (Bedürfnisse nach Wertschätzung, Rache) können das individuelle Gewaltverhalten beeinflussen, erlauben aber keine abschließende Erklärung.

Aspekte aus der Aggressionsforschung können demgegenüber weitere Anhaltspunkte zur Einordnung des Phänomens beisteuern:

  • Generell unterscheidet man zwischen reaktiver/impulsiver und instrumenteller Aggression. Beide Aggressionsformen beinhalten das Verletzen anderer; die Gewaltanwendung erfüllt aber hiernach keinen Selbstzweck. Impulsive Aggression gilt als emotionale Reaktion auf eine Bedrohung oder Provokation. Instrumentelle Aggression wird zum Erreichen bestimmter Ziele eingesetzt. Das jihadistische Verhalten in Syrien und im Irak beinhaltet beide Formen. Die instrumentelle Funktion demonstriert zum Beispiel Macht und beinhaltet die sowohl an den Gegner als auch an die eigenen Anhänger gerichtete Botschaft von der eigenen Dominanz sowie der Unzulänglichkeit/Minderwertigkeit des Gegenübers (Erniedrigung).

  • Jedoch scheint beim brutalen Vergehen der Jihadisten ein weiterer Aspekt eine Rolle zu spielen. Eine Forschungsgruppe der Universität Konstanz (Projekt „Psychobiologie menschlicher Gewalt- und Tötungsbereitschaft“), die das Verhalten in Bürgerkriegen untersucht, spricht von appetitiver Aggression, um extreme Grausamkeiten zu erklären. Forschungsergebnisse zeigen, dass mit dem Akt des Tötens emotionale Erregung, das Gefühl der Euphorie und der Schmerzunempfindlichkeit einhergehen können. Es kommt zur Ausschüttung von Testosteron, Serotonin und Endorphinen. Das Gefühl der Macht überlagert das Gefühl der Entbehrung.

Hinzu kommt, dass mit der Zeit diese Handlungen mit Erfolgserlebnissen verbunden werden, zum Beispiel mit Akzeptanz in der Gruppe, mit sozialem Status und Dominanz. Kämpfer aus Bürgerkriegsgebieten berichten zudem von einem Craving-Effekt, dem Verlangen „nach mehr“.

Initiationsriten und das Agieren in der Gruppe verstärken beziehungsweise bedingen das Ausleben appetitiver Aggressionen. Durch Training wird das Töten automatisiert. Erlernte moralische Standards werden „abtrainiert“. In der Konsequenz sinkt die Hemmschwelle.

Propaganda und Selbstinitiierung

Der größte Teil der Zurschaustellung von Kampfhandlungen und Gewaltopfern ist propagandistisch motiviert. Diese Form der medialen Darstellung ist ein Instrument zur Verbreitung von Schrecken, zur Demonstration von Macht, zum Beweis und Teilen von „Erfolgen“, und um den Gegner zu warnen. Die Glorifizierung der eigenen Taten durch Bilder soll dazu beitragen, dass sich andere mit der Gruppe identifizieren können. Bilder von öffentlichen Hinrichtungen signalisieren zudem eine quasi-staatliche Souveränität und zeigen, wer die Kontrolle hat. Die Darstellungen sind zudem Demütigungen der Opfer. Diese sind schwach und nichts wert. Die Bilder tragen wiederum zu deren Entmenschlichung bei.

Individuell betrachtet ist die Selbstdarstellung im Internet unter anderem beeinflusst durch den Wunsch, Kontrolle über die eigene Identitätsbildung zu erlangen, Zugehörigkeit zu zeigen und soziale Unterstützung zu erfahren. Das Posten von Gewaltbildern/-videos ermöglicht es, die eigene Geschichte festzulegen (zu inszenieren) und zu bestimmen, wie man wahrgenommen wird. Die gezeigten Bilder sind Darstellungen der Dominanz und sie zeigen, wer hier „Spaß“ hat. Die propagandistischen Ziele erfüllen somit auch einen individuellen Selbstzweck der Eigendarstellung als erfolgreicher Krieger. Für viele Kämpfer wirkt die mit Kriegen verbundene „militärische Maskulinität“ belohnend. Die Toten werden nicht als Opfer oder empfindende Menschen wahrgenommen. Die abgetrennten Köpfe sind vielmehr Trophäen einer erfolgreichen Jagd. Ihre Verbildlichung dient unter anderem der Dokumentation des Triumphes.

Fazit

Menschliches Verhalten ist das Produkt aus Persönlichkeit, der Situation, in der sich eine Person befindet und den individuellen Lernerfahrungen. Dementsprechend ist das Gewaltverhalten in Syrien und im Irak durch unterschiedliche Faktoren bedingt. Erkenntnisse zu gruppenpsychologischen Prozessen (Ingroup/Outgroup), zum normativen sozialen Einfluss (Autoritäten) und aus der Aggressionsforschung ermöglichen einige Einblicke in das zum Teil unerklärlich scheinende Verhalten.

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