Lichtstreifen vor blauem Hintergrund zur Illustration der Rubrik „Schlaglicht"

Jihadistinnen werben online Frauen für den sogenannten Islamischen Staat

Einleitung

Nach derzeitigem Stand sind mehr als 720 Islamisten aus Deutschland in Richtung Syrien und Irak ausgereist, um dort auf Seiten des „Islamischen Staates“ (IS) und anderer terroristischer Organisationen an Kampfhandlungen teilzunehmen oder diese in sonstiger Weise zu unterstützen. Dabei dominiert das Bild des jungen, männlichen Jihadisten, der sich auf den Weg in die Kampfgebiete macht.

In letzter Zeit haben allerdings auch Ausreisen junger Frauen deutlich zugenommen, von denen über die Hälfte zum Ausreisezeitpunkt jünger als 25 Jahre waren. Etwa ein Fünftel der insgesamt gereisten Personen ist weiblich.

Die Motive für solche Ausreisen können sowohl religiöser als auch weltlicher Natur sein (häufig eine Mischung aus beidem). Oft spielen auch romantische Wunschvorstellungen eine Rolle. Einmal in den Kampfgebieten angekommen, nutzen viele der Frauen die sozialen Netzwerke, um ihr Leben im „Islamischen Staat“ positiv zu beschreiben und so für weitere Ausreisen zu werben.

Dabei stellt sich immer auch die Frage, ob solche Erlebnisberichte auf tatsächlichen Erfahrungen beruhen oder aber durch die Propagandamaschine des IS zensiert und für eine gezielte PR-Kampagne missbraucht werden.

Religion als Motiv für die Ausreise

Das Leben in einem Land, in dem einzig die Scharia – wie sie vom IS verstanden wird – gelte, wird als religiöse Pflicht dargestellt und erweist sich damit als vordergründig wichtigstes Argument für eine Ausreise. Nur der IS biete die „Freiheiten als Muslima“: Alle Frauen seien voll verschleiert, auf Werbeplakaten seien keine nackten Frauen und Männer abgebildet und überall hänge die „islamische Flagge“. Außerdem gebe es keine Musik, keine Überfälle auf Geschäfte und keine Vergewaltigungen. Überwiegend wird die Meinung vertreten, dass auch Frauen der Pflicht der Auswanderung nachkommen müssten, selbst wenn sie unverheiratet seien und/oder keine männliche Begleitung hätten. Die Befolgung dieser religiösen Pflicht wird auch dann erwartet, wenn die Frau Kinder hat. Denn schließlich sei die religiöse Erziehung von Kindern nur im „wahren islamischen Staat“ möglich.

Leben und Versorgung im IS

Die Frauen, die sich bereits im Einflussgebiet des IS aufhalten, preisen im Internet die Vorzüge des dortigen Lebens. Besonders wird betont, dass viele der Verpflichtungen, denen man in Deutschland nachkommen müsse, im IS nicht existierten. Man könne frei von Diskriminierung und behördlicher Schikane leben:

„Mal unabhängig davon das ab und zu Bomben auf uns fallen gibt es nichts worüber man sich Gedanken machen muss (…) Keine Behörde die dich regelmäßig einlädt, sei es Jobcenter, Ausländerbehörde oder sonst der gleichen Kein Schock das jemand 6 Uhr morgens vorbei mit 12 Mann kommt und deine Wohnung auseinander nimmt Kein[e] miesen Blicke was deine Kleidung betrifft Kindern können mit Alles spielen ohne sich Gedanken zu machen das es dem Jugendamt nicht gefallen könnte (…) Die einzigen Gedanken mit denen man sich beschäftigt ist, ist Allah mit mir zufrieden wenn ER mich zu sich nimmt.“

Immer wieder wird betont, dass der IS für finanzielle Absicherung sorge. Einerseits bekämen Männer vom IS Geld zum Leben und versorgten ihre Frauen mit. Andererseits erhielten die Frauen auch eigenes Geld. Für Kinder gebe es einen „Kinderzuschlag“, für neu Verheiratete existiere ein „Haushaltsstarter“. Das seien dann zumeist erbeutete Sachen, wie eine Waschmaschine, ein Kühlschrank etc. Auch die Unterkunft werde vom IS gestellt. Für Witwen, Unverheiratete und Verheiratete, deren Männer längere Zeit abwesend sind, weil sie unter anderem an der Front kämpfen, gebe es auch ein Frauenhaus. Dort würden die Frauen vom IS versorgt.

Die vielfachen Beschreibungen des Alltags wirken geradezu beschaulich und wohlgeordnet, wenn man sich beispielsweise über das Essen austauscht. Es wird behauptet, dass man im IS nichts entbehren müsse, alles sei vorhanden. Das gelte auch für viele Nahrungsmittel, die man aus dem Westen kenne. Unterstrichen werden diese Aussagen häufig durch Bilder, auf denen zubereitete Speisen, aber auch Süßigkeiten abgebildet sind.

Anfang 2015 wurde in mindestens einem arabischsprachigen jihadistischen Internetforum ein Text eingestellt, der die Rolle der Frau im IS beschreibt. Er stammt vermutlich von der „al-Khansaa-Brigade“ des IS, bei der es sich um eine Art Sittenpolizei in der Stadt Raqqa (Syrien) handeln soll, die ausschließlich aus Frauen besteht. In dem Text wird beschrieben, wie sich das tägliche Leben der Frauen im IS gestaltet und wie der IS einen angeblich idealen Rahmen für ein islamkonformes Leben von Frauen bietet. Hervorgehoben wird unter anderem, dass Frauen sich überall vollverschleiert in der Öffentlichkeit bewegen und dass es für Frauen ein hohes Maß an Sicherheit gebe, was auf das vom IS praktizierte islamische Strafrecht zurückzuführen sei. Das westliche Frauenbild sowie die Idee der Gleichstellung von Mann und Frau werden dagegen kritisiert. In Abgrenzung dazu wird der Frau die Rolle als Ehefrau und Mutter zugedacht; heiratsfähig sei ein Mädchen bereits im Alter von neun Jahren.

Der Text ähnelt in vielerlei Hinsicht den Darstellungen und Argumentationsweisen auf Internetpräsenzen, die sich an Frauen richten mit dem Ziel, sie für eine Ausreise in das Gebiet des IS zu bewegen. Die Authentizität des Textes ist jedoch nicht gesichert, da er nicht im Namen einer offiziellen Medienstelle des IS veröffentlicht wurde.

Gewalt- und Kriegserfahrungen/Umgang mit Waffen

Im Kontrast zu den Beschreibungen des Alltags stehen Schilderungen, in denen es um Kriegserfahrungen und den Umgang mit Waffen geht. Auffällig ist, dass die Erfahrung, durch Krieg und Gewalt bedroht zu sein, kaum als existenziell erschütternd dargestellt wird. Vielmehr wird diese Gefahr als latent vorhanden beschrieben, jedoch ohne prägende Auswirkungen auf das alltägliche Leben. Eher beiläufig erwähnte Bomben- und Raketenbeschüsse hätten eben häufig Umzüge in andere Häuser und Städte zur Folge. Es wird auch berichtet, dass es Sprenggürtel für Frauen gebe, falls sie in die Hände von feindlichen Gruppen gerieten.

Tipps zur Ausreise

Im Internet finden sich auch praktische Tipps von Jihadistinnen für ausreisewillige Frauen in das Einflussgebiet des IS. Aus eigenen Erfahrungen empfehlen sie, welche Gegenstände Ausreisewillige unbedingt mitnehmen sollten bzw. auf welche Dinge sie verzichten könnten. Wichtig sei unter anderem gute Kleidung – zum Beispiel feste Schuhe sowie eine wind- bzw. regenfeste Jacke. Aus Sicherheitsgründen bzw. um nicht den Behörden aufzufallen, könne der Hijab (Anm.: Kopftuch, das Haare, Ohren, Hals und Ausschnitt bedeckt) während der Auswanderung nach „Großsyrien“ auch abgenommen werden. Des Weiteren sollte der Besitz reduziert und nicht zu viel mitgenommen werden:

Auszug aus einer Anleitung zur Ausreise in einem sozialen Netzwerk© https://www.facebook.com/ Auszug aus einer Anleitung zur Ausreise in einem sozialen Netzwerk

Die Rolle der Frau

Wesentliches Ziel für die Ausreise von Frauen in das Einflussgebiet des IS ist die Heirat mit einem Kämpfer. Die Rolle der Frau wird vor allem als Ehefrau und Mutter dargestellt. Alleinreisende „Schwestern“, die keinen Ehemann oder Verlobten im „Kalifat“ haben, sollten nach Angaben einer Nutzerin bereits besser vorher über eine vor Ort ansässige „Schwester“ an einen Ehemann vermittelt werden. So könnten lange Wartezeiten im Frauenhaus vermieden werden. Über den Ablauf der Eheschließung wird berichtet, dass jeder einzelnen heiratswilligen Frau nach Ankunft in „Großsyrien“ zur Gesundheitskontrolle Blut abgenommen werde. Bereits einen Tag nach der Blutabnahme würden die Frauen – wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen seien – zum islamischen Gericht gefahren, wo die Eheschließungen durchgeführt würden. Dort werde den „Schwestern“ ein Wali (Anm.: Heiratsvormund) gestellt, der zusammen und einvernehmlich mit den Bräuten das Heiratsformular ausfülle. Danach begebe sich dieser zu den Bräutigamen und fülle wiederum deren Heiratsformulare zusammen mit ihnen einvernehmlich aus. Schließlich würden die Ehemänner ihren jeweiligen Ehefrauen zugeführt. Jede Braut verlasse mit ihrem neuen Ehemann das Gericht.

Neben ihren häuslichen und auf das Eheleben gerichteten Pflichten besteht nach den Darstellungen im Internet für Frauen jedoch auch die Möglichkeit, Beschäftigungen außerhalb des Hauses nachzugehen. Frauen könnten demnach im Einflussgebiet des IS unter anderem als Ärztin, Lehrerin, Krankenschwester oder auch als Fabrikarbeiterin arbeiten.

Frauen nähen in einer Fabrik in Mossul im Irak Niqabs für Frauen in den vom Islamischen Staat kontrollierten Gebieten.Vergrößern© picture alliance / AP Photo Frauen nähen in einer Fabrik in Mossul im Irak Niqabs für Frauen in den vom Islamischen Staat kontrollierten Gebieten.

Der Kontakt zur Familie in Deutschland

Die Trennung von ihren Familien beschäftigt viele ausgereiste Frauen stark. Diese Frauen widmen ihren Familien, vor allem ihren Müttern, einzelne Beiträge, danken ihnen und wünschen sich ein Wiedersehen. Die Frauen betonen jedoch immer wieder, dass dieser Schmerz dadurch aufgewogen werde, endlich im „Kalifat“ auf dem „Boden der Ehre“ leben und ins Paradies gelangen zu können. Oft bezeichnen die ausgereisten Frauen ihre Familien jedoch als religiös irregeleitet, selbst wenn sie aus einer muslimischen Familie kommen. Deswegen bricht ein Teil dieser Frauen den Kontakt zu ihrer Ursprungsfamilie ab.

Fazit

Bislang wurde die Frau in der jihadistischen Ideologie vorrangig als Mutter, Ehefrau und Unterstützerin des Ehemannes gesehen. Im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen in Syrien und im Irak fällt jedoch auf, dass Frauen vermehrt aktiv Propaganda betreiben und auch über die sozialen Netzwerke für die Öffentlichkeit ansprechbar sind. Sie übernehmen die Rolle der Organisatorin, Vermittlerin und Werberin für den Jihad in „Großsyrien“.

Die Frauen agieren als Propagandistinnen anders als Männer. Sie stellen zumeist nicht sich selbst oder ihre Familie in den Mittelpunkt, sondern berichten über den Alltag im Einflussgebiet des IS. Damit verbreiten sie vor allem das Bild des funktionierenden „Sozialstaates IS“, in dem ein organisiertes und somit sorgloses Leben möglich sei. Es scheint, als ob die Frauen mit Eintritt in das Einflussgebiet des IS die Verantwortung für ihr Leben zunächst an die Organisation und danach an ihre Ehemänner abgeben. Die Berichte über die angeblichen Sozialleistungen des IS sollen den Eindruck eines unbeschwerten, beinahe schon luxuriösen Lebens vermitteln.

Darüber hinaus wird die Heirat mit einem Jihadisten als das romantische Lebensziel einer jeden gläubigen Muslimin verklärt und der Jihadist nicht nur als idealer Ehemann, sondern auch mutiger Held stilisiert. Insofern ergibt sich aus der Propaganda insbesondere der Frauen/jugendlichen Mädchen ein Gegenbild zu ihrem offenbar als kompliziert, unwägbar und anstrengend empfundenen Leben in Deutschland.

Dieses Gefühl wird von der salafistischen Propaganda in Deutschland verstärkt. Die hiesigen Salafisten predigen beispielsweise, das Leben einer Muslimin in Deutschland sei von diversen Diskriminierungen und Entbehrungen geprägt. Verstärkend wirkt der vielfach gebrachte Hinweis auf das angebliche Leid der Muslime weltweit, das durch die angeblich ungerechte, westlich dominierte Weltordnung ausgelöst sei und perpetuiert werde. Diese Weltsicht wird insbesondere durch die Bilderflut in salafistisch geprägten Zirkeln in sozialen Netzwerken von leidenden muslimischen Kindern, Frauen und Alten in islamischen Ländern bestärkt. Dies kann ein starkes Gefühl auslösen, gegen die Ungerechtigkeit der Welt selbst aktiv werden zu wollen.

Frauen stellen unter den nach Syrien und Irak Ausgereisten immer noch eine Minderheit dar. Der seit einem Jahr registrierte Anstieg ist jedoch bemerkenswert. Möglicherweise liegt die Attraktivität des IS für Frauen nicht nur in dessen Selbstdarstellung als islamisch legitimes und funktionierendes Staatswesen, sondern auch an den leicht erhältlichen „positiven“ Informationen über den IS, die im Internet insbesondere in sozialen Netzwerken von Frauen verbreitet werden. Die unkomplizierte Möglichkeit, über das Internet Hilfe und Tipps für die geplante Ausreise zu erhalten, könnte ebenfalls ein Faktor sein.

Bei allem stellt sich jedoch die Frage, ob die Schilderungen derjenigen Frauen, die als Organisatorinnen, Vermittlerinnen und Werberinnen für den Jihad in „Großsyrien“ agieren, tatsächlich authentisch sind. Aus einzelnen Beiträgen geht hervor, dass den Frauen bei der Einreise in das Einflussgebiet des IS ihre Kommunikationsmittel abgenommen werden. Solange sie sich im Frauenhaus befinden, können sie nur eingeschränkt (und wahrscheinlich nicht unbeobachtet) kommunizieren. Es scheint zumindest denkbar, dass der IS ihre Geräte überprüft, um damit unautorisierte Propaganda und Spionage zu verhindern.

Zudem fällt auf, dass die hier ausgewerteten Berichte der Frauen eher allgemein das Leben vor Ort und die Situation im Einflussgebiet des IS beschreiben. Die Persönlichkeiten der jeweiligen Aktivistinnen tauchen im öffentlich einsehbaren Bereich jedoch nur selten auf. Daher entsteht trotz der detaillierten Schilderungen kein Eindruck von einem individuellen Leben. Kritische Stimmen zu dieser Version des Lebens im IS sind selten und werden sofort gelöscht. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie selbstständig die Frauen Propaganda verbreiten. Es ist zumindest denkbar, dass der IS gezielt talentierte Frauen dafür einsetzt, weitere Frauen anzuwerben.

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