Lichtstreifen vor blauem Hintergrund zur Illustration der Rubrik „Schlaglicht"

Die Propaganda des „Islamischen Staates“ (IS) nimmt verstärkt den Westen ins Visier

Jihadistische Propaganda wird im Internet in vielfältigen Formaten veröffentlicht und verbreitet. So werden regelmäßig Videos, Audiodateien, Online-Zeitschriften, Bilder-Dokumentationen, Operationsberichte, Bekennungen zu Anschlägen und Interviews mit Anführern und Mitgliedern jihadistischer Gruppierungen veröffentlicht.

Das Internet als Kommunikationsmittel ermöglicht den Jihadisten die unkomplizierte und schnelle Kontaktaufnahme zu Gleichgesinnten. Der Austausch erfolgt dabei sowohl über offen zugängliche als auch über verschlüsselte Kommunikationsplattformen. Dadurch entstehen virtuelle Netzwerke, die Aktivisten und Sympathisanten des globalen Jihad ermöglichen, sich als Teil einer weltweiten Bewegung zu begreifen. Dies ist auch dann der Fall, wenn sich die Ziele und Handlungsmotive der Aktivisten zuweilen stark unterscheiden.

Neben der direkten Kommunikation dient das Internet den Jihadisten aber vor allem als Propagandamedium. Die Propaganda schafft einen Bezugsrahmen, innerhalb dessen das Weltgeschehen interpretiert wird. Diese Weltsicht wirkt in sich schlüssig. Zudem bietet sie eine Perspektive, die das Denken und Handeln der derzeitigen Weltmächte, insbesondere der USA, vorgeblich entlarvt. Dadurch transportiert die jihadistische Propaganda eine Protestkultur gegen die herrschenden Verhältnisse. Damit verbunden wird die Utopie einer gerechten Weltordnung propagiert, die nur mittels Gewaltanwendung etabliert werden könne. Auch solle diese Weltordnung nach den Normen der Scharia ausgerichtet sein. Dabei wird suggeriert, dass auf diese Weise eine göttliche Ordnung errichtet werde, die keinen Raum für menschliche Schwächen lasse und daher gerecht sei.

Audio- und Videobotschaften oder Online-Magazine können schnell, ohne großen Aufwand und Zensur im Internet verbreitet werden. Mittlerweile wird diese Propaganda zielgruppengerecht in verschiedenen Sprachen angeboten.

Somit kann jihadistische Propaganda Radikalisierungsprozesse initiieren und beschleunigen. Der Verfassungsschutz stellt immer kürzere Radikalisierungsphasen fest. Vor allem handelt es sich um eine Radikalisierung, die oftmals ohne erkennbaren Vorlauf und ohne organisatorische Anbindung verläuft.

Die Bedeutung des Internets als wichtigstes Kommunikations- und Propagandamedium zeigt sich insbesondere in der aktuellen jihadistischen Propaganda zum Krieg in Syrien und im Irak. Die Jihadisten inszenieren sich als Kriegshelden und fordern speziell Jugendliche und Heranwachsende dazu auf, sich ihrem Kampf gegen alle Andersdenkenden anzuschließen.

Screenshot IS-PropagandavideoVergrößern© http://sendvid.com Screenshot IS-Propagandavideo

Die Jihadisten bezeichnen alle Menschen, die nicht ihre Meinung teilen, als „Ungläubige“ – unabhängig von ihrer tatsächlichen Religionszugehörigkeit. Diese Propaganda ist ein Grundstein für die Ausreisewelle von Jihadisten in das Kampfgebiet.

Eine führende Rolle bei der jihadistischen Internetpropaganda nimmt die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) ein. Ihre Internetbotschaften haben dabei deutlich erkennbar mehrere Adressaten: Ein breites Publikum soll vom Funktionieren eines „islamischen Staatswesen“ überzeugt und zur Ausreise ermuntert werden. Weiterhin sollen die westlichen Gesellschaften und verbündete arabische Staaten durch grausame Videos eingeschüchtert werden. Ein besonders brutales Beispiel hierfür ist ein Video von der Verbrennung eines jordanischen Kampfpiloten bei lebendigem Leib, das Anfang Februar 2015 veröffentlicht wurde. Die Jihadisten legitimieren ihre Gräueltaten unter anderem mit dem angeblichen Kampf des Westens gegen den Islam: So sind seit einiger Zeit in Propagandamaterialien des IS Aufrufe an die weltweite Anhängerschaft zu finden, in den jeweiligen westlichen Heimatländern Anschläge zu verüben. Auch die Verbündeten des Westens in der islamischen Welt werden vom IS bedroht, weil diese angeblich den Islam verraten hätten, indem sie den Islam anders verstehen und leben als der IS.

Bis Sommer 2014 lag der Fokus der Propaganda des IS auf den Kampfschauplätzen in Syrien und im Irak. Ziel war es, für den Aufbau, den Ausbau und die Verteidigung des IS zu werben sowie militärische Erfolge zu präsentieren. Auf die Militärintervention der USA und seiner Verbündeten reagierte der IS mit dem global-jihadistischen Aufruf, zur „Selbstverteidigung“ willkürlich Staatsbürger der gegen ihn gerichteten Militärallianz anzugreifen. Die Jihadisten legitimieren den willkürlichen Angriff auf Zivilisten dieser Staaten damit, dass jeder Einzelne verantwortlich für das Handeln seiner Regierung sei, weil er sie gewählt habe. Damit nutzen sie die Regierungsform der Demokratie, die sie als „unislamisch“ ablehnen, für ihre Zwecke aus. In einer im Internet veröffentlichten Audiobotschaft appellierte der offizielle Sprecher des IS im September 2014 an die Muslime im Westen, seiner Organisation Beistand zu leisten. Explizit forderte er die Anhänger und Sympathisanten des IS dazu auf, weltweit gegen alle Staaten und deren Bürger Anschläge zu verüben, die mit den USA im Kampf gegen den IS verbündet sind. Namentlich wurden neben den USA auch Frankreich, Kanada und Australien genannt. Die Anschläge könnten dem Sprecher zufolge mit unterschiedlichen Mitteln begangen werden, beispielsweise mit Sprengstoff, Schusswaffen, Messern oder sogar Steinen. Zudem könne man Autos einsetzen und Passanten überfahren, Personen aus Gebäuden in die Tiefe werfen oder das Essen vergiften. Eine weitere Möglichkeit sei es, Autos, Häuser und Geschäfte in Brand zu setzen. Im Januar 2015 erneuerte der IS-Sprecher seinen Aufruf. Darüber hinaus erklärte er in seiner jüngsten Audiobotschaft vom März 2015, dass der IS das Weiße Haus, Big Ben und den Eiffelturm „unter sich begraben" wolle. Zudem nannte er in einer Auflistung von Städten, die der IS erobern wolle, unter anderem Paris und Rom.

Titelblatt DABIQ Nr. 4VergrößernTitelblatt DABIQ Nr. 4

Auch in dem englischsprachigen Online-Magazin DABIQ rückt der Westen zunehmend in den Fokus. In der im Oktober 2014 veröffentlichten vierten Ausgabe der IS-Publikation wird erstmals auch Deutschland explizit als Anschlagsziel genannt. In dem Text ruft der IS erneut dazu auf, Anschläge in allen Staaten zu begehen, die Teil der Allianz gegen den IS sind. Wichtig sei es, so heißt es in dem Artikel, dass der Anschlag erkennbar dem IS zuzurechnen sei. In die Planung und Durchführung des Anschlags seien so wenige Personen wie möglich einzubeziehen, um einen größeren Erfolg zu erzielen.

In der aktuellen DABIQ-Ausgabe Nr. 7, veröffentlicht Mitte Februar 2015, wird abermals an zwei Stellen Deutschland genannt: Zum einen im Vorwort, wo „al-Qaida“-Gründer Usama bin Laden zitiert wird („Was ist das Interesse Deutschlands an diesem Krieg [Anm.: Gemeint ist der internationale Kampfeinsatz gegen die „Taleban“/„al-Qaida“ in Afghanistan ab Oktober 2001], wenn nicht Unglaube und Kreuzzug?“). Zum anderen in einem Interview mit dem mutmaßlichen Anführer der Terrorzelle im belgischen Verviers, die von den belgischen Sicherheitskräften im Januar 2015 zerschlagen wurde. Der Interviewte, der sich nach Syrien abgesetzt haben soll, erklärt: „Ich bitte Allah, die fruchtbringenden Taten der Märtyrer zu akzeptieren, die die Kreuzzügler Amerikas, Frankreichs, Kanadas, Australiens, Deutschlands und Belgiens terrorisierten.“

Gelegentlich sind in IS-Videos auch deutschsprachige Kämpfer zu sehen. Ferner sorgte ein im Januar 2015 im Fernsehen veröffentlichtes Interview eines Journalisten mit einem deutschen IS-Anhänger in Mossul (Irak) für Aufsehen. Unter anderem erklärte der deutsche Jihadist, Ziel des IS sei es, eines Tages Europa zu erobern. Darüber hinaus bekräftigte er, dass der IS alle „Ungläubigen“ beziehungsweise Personen, die sich der Terrororganisation nicht fügen werden, töten werde. Der deutsche Staat, der den Islam schon lange bekämpfe, müsse sich auf Anschläge gefasst machen, so der interviewte Jihadist weiter.

Auch die Anschläge von Paris Anfang Januar 2015 wurden vom IS propagandistisch ausgeschlachtet. Bei dem Anschlag zweier Brüder auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ starben insgesamt zwölf Menschen. Zwar bekannte sich zu dem Anschlag die Terrorgruppe „al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAH), Zielauswahl und Modus Operandi dieses Anschlags entsprechen jedoch den Vorstellungen des IS geradezu idealtypisch. Ferner erklärte ein weiterer Attentäter, der eine Polizistin und in einem jüdischen Supermarkt vier Personen erschoss, sich dem IS zugehörig. Dieser Attentäter wurde später im DABIQ-Magazin als Vorbild verklärt.

Der IS versucht durch seine mediale Aufbereitung der Verbrechen die folgende Botschaft an weitere potenzielle Täter zu vermitteln: Derartige Anschläge im Westen sind möglich, nicht vorhersehbar und sie können eine große Wirkung haben.

Screenshot IS-PropagandavideoVergrößern© http://sendvid.com Screenshot IS-Propagandavideo

Das Medium Internet wird bei der Verbreitung jihadistischer Propaganda, als Kommunikationsplattform und nicht zuletzt auch bei der Koordination von Aktivitäten weiter an Bedeutung gewinnen: Eine Entwicklung, der sich die Sicherheitsbehörden mit geeigneten Mitteln entgegenstellen müssen.

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